KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

STRAYS: Kapitel 05

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Arne

Ich handelte vollkommen instinktiv. Obwohl ich es nicht aussprechen konnte, wusste ich doch ganz genau was geschah. Arne versuchte verzweifelt sich zu artikulieren und ich dachte erst, er gähnte, doch nein, er schrie vor Schmerz, doch kein Laut entwich seiner Kehle. Die Verbindung zwischen seinem Hirn und dem Rest seines Körpers war gekappt. Er erschlaffte in meinen Armen und es war unglaublich. Unglaublich wie schwer ein menschlicher Körper war, wenn er vollkommen erschlaffte. Es war körperlich so schwer auch nur seine Beine zu heben und mir blieb nichts anderes übrig als möglichst viel Stoff aufzutreiben und ihn vorsichtig unter Arnes Beinen zu platzieren, während er noch immer geräuschlos schrie.

Ich setzte mich neben ihn, „Arne. Arne! Schau mich an! Schau mich an, Arne“, sagte ich wieder und wieder und er tat es, obwohl er noch immer schrie, „Arne du musst atmen, du musst mit mir atmen. Atme einfach im selben Rhythmus wie ich und versuch weiter zu atmen“.

Ich war überrascht wie stark meine Stimme klang. Kein Stottern. Nichts. Als Arne einigermaßen rhythmisch atmete, griff ich schließlich nach meinem Handy und rief den Notruf. Noch immer fehlten mir alle Worte, obwohl ich genau wusste, was geschah. Ich wusste es ganz genau und nun, im wichtigsten Moment konnte ich es auch aussprechen: „Ich brauche dringend Hilfe! Mein Chef hat einen Schlaganfall!“

Die ganze Fahrt zum Krankenhaus über presste ich meine Hände über meinen Mund und bemerkte erst gar nicht, wie mir still die Tränen die Wangen herunter liefen. Arne wurde sofort behandelt und mir blieb nichts anderes übrig als in der Rettungsstelle zu warten. Schon wieder. Ich hasste diese verdammte Rettungsstelle. Ich hasste sie so verdammt sehr. Unruhig spielte ich mit dem Ladenschlüssel den ich noch immer in der Hand hielt, bis ich mich schließlich entschloss es den anderen zu sagen:

arne hat einen schlaganfall. bin in der rettungsstelle. ich lass euch wissen, sollte es was neues geben.

Sofort kamen die ersten Antworten im Gruppenchat und ich meinte zu allen, dass sie nicht extra kommen mussten, ich würde das schon allein überstehen. Ich wollte sie alle nicht hier haben. Nicht in dieser verdammten Rettungsstelle in der Elly gestorben war.

Es war erstaunlich leer hier, obwohl es ein Vormittag war wie jeder andere. Eine der Schwestern schaute alle 15 Minuten nach mir und erklärte was gerade mit Arne geschah. Sie brachte mir auch Kaffee und unterhielt sich ab und an mit mir, wenn sie gerade nicht gebraucht wurde. Ich war ihr sehr dankbar, denn vollkommen allein hätte ich das ganze wohl doch nicht geschafft.

Frau Krämer-“, begann sie und dieses Mal unterbrach ich sie: „Chiara. Nennen Sie mich ruhig Chiara“, sagte ich ihr und schenkte ihr ein schwaches Lächeln.

Chiara… Oh, sind Sie vielleicht Kimis Chiara?“ fragte sie daraufhin vorsichtig und ich musste erneut lächeln.

Ich nickte, „ja, ich bin Kimis Chiara. Spricht er etwa von mir auf Arbeit?“

Die Schwester lachte sanft, „fast ausschließlich. ‘Ich war gestern mit Chiara aus. Gestern habe ich bei Chiara zu Abend gegessen. Chiara hat mir schon wieder eine Blume geschenkt deren Bedeutung ich nachschlagen musste’. So geht das den halben Tag“, sagte sie und ich musste schmunzeln.

Ich wusste nicht, dass er von mir erzählt… Das ist echt süß“, antwortete ich ihr.

Ja, am Anfang war es vielleicht süß, aber mittlerweile“, sagte sie und verzog lächelnd das Gesicht, „aber es muss schön sein so geliebt zu werden“.

Ich errötete ein wenig. Kimi und ich… hatten nie darüber gesprochen in was für einer Beziehung wir uns mittlerweile befanden. Ja, wir gingen aus und er lebte schon fast bei mir, aber zu hören dass er mich liebte…

Ein wenig später war ich wieder allein und ich lenkte mich damit ab alles was ich für die Meister-Prüfung nächsten Monat gelernt hatte, still in meinem Kopf zu wiederholen. Es dauerte etwas länger als drei Stunden, bis mich die nette Schwester schließlich zur Intensivstation brachte und mir auf dem Weg alles erklärte.

Es war ein weißer Schlaganfall, dass heißt es kam plötzlich zu einer plötzlich Minderdurchblutung des Hirns. Die genauen Umstände sind noch unklar, aber Herr Pohl hatte Glück dass Sie so schnell reagiert haben. So konnte Schlimmeres vermieden werden“, erklärte sie mir und ich nickte.

Es traf vor allem die rechte Hirnhälfte, deswegen treten Lähmungen im linken Körperbereich auf. Im Augenblick lässt sich noch schwer einschätzen wie groß der tatsächliche Schaden ist, da er noch in einem künstlichen Koma liegt. Wenn alles gut geht, wird Herr Pohl in den nächsten Tagen aus dem Koma heraus geholt und je nachdem wie stabil er ist, wird er in ein bis zwei Wochen in eine normale Station mit Stroke Unit verlegt“, erklärte die Schwester weiterhin bis wir schließlich an der Intensivstation ankamen. Wir mussten uns von oben bis unten in Krankenhausroben einkleiden und uns desinfizieren, bevor wir unter strengen Auflagen zu Arne auf das Zimmer durften.

Meine Beine gaben nach als ich ihn im Bett liegen sah und ich wäre gefallen, hätte die Schwester mich nicht irgendwie gefangen und zu einem Stuhl gelotst.

Arnes linke Gesichtshälfte war blau und rot durch den Fall und er trug eine große Maske. Schläuche führten an diversen Stellen in seinen Körper. Als ich über die blauen Flecken hinweg sah, stellte ich fest wie seltsam sein Gesicht aussah. Die linke Seite war vollkommen schlaff und eingefallen. Ich konnte die Tränen nicht unterdrücken.

Lange durfte ich nicht bleiben und die Krankenschwester führte mich ins Schwesterzimmer, wo sie mir Arnes Wohnungsschlüssel, Ladenschlüssel, Autoschlüssel und sonstigen Inhalt seiner Arbeitshose gaben.

Wir konnten keine lebenden Verwandten ausfindig machen, ist das so richtig?“ fragte mich eine der Schwestern und ich nickte stumm.

Seine Schwester und seine Eltern sind vor drei Jahren bei einem Autounfall umgekommen“, erklärte ich still und erinnerte mich unweigerlich an diese Zeit. Wieso. Wieso musste unser Leben so sein? Was hatten wir getan um all dies zu verdienen? Welche abscheulichen Verbrechen hatten wir in einem früheren Leben begangen? All die Dinge, die wir in diesem Leben getan hatten, rechtfertigten nicht all den Schmerz mit dem wir bestraft wurden.

Dann sind zumindest alle Unterlagen in Ordnung. Sie sind auch in allen Vollmachten angegeben“, fügte die Schwester hinzu und ich nickte. Arne stand in all meinen Unterlagen. Wir hatten diesen Pakt abgeschlossen nach dem Tod seiner Eltern.

Am späten Nachmittag stand ich dann wieder vor Konsum Floristik. Unsere Zigaretten vom Morgen lagen noch unberührt im Schnee vor dem Laden. Ruhig schloss ich die Tür auf, ging hinein, sah die zerbrochene Vase, die Arne bei seinem Sturz mitgerissen hatte, und brach selbst zusammen.

Ich begann zu heulen, zu heulen wie ich es lange nicht mehr getan hatte. Rotze und Tränen liefen mir übers Gesicht während ich verzweifelt meine Arme um mich legte. Atmen wurde immer schwieriger und ich nahm immer kürzere und kürzere Atemzüge, bis ich schließlich hyperventilierte.

Als ich mich allmählich beruhigt hatte, war es draußen schon dunkel. Nun fühlte ich mich einfach nur apathisch. Ich kehrte die Scherben zusammen und warf sie in den Müll. Auf ein A4-Blatt schrieb ich mit großen schwarzen Buchstaben: ‘Wegen plötzlichem Krankheitsfall geschlossen’ und klebte es an die Ladentür. Ich ging nach oben in Arnes Wohnung und wurde sofort von Hades und Persephone begrüßt – Arnes zwei kleinen Katzen. Hades war ein wenig älter und pechschwarz und Persephone war noch ein jungen Kätzchen, mit einem schönen weißen Fell.

Ich füllte ihre Futter- und Wasserschalen und säuberte ihre Toiletten bevor ich ein wenig verloren durch die Wohnung lief. Ratlos ließ ich mich im Wohnzimmer auf das Sofa fallen und starrte an die Decke. Einen Augenblick später folgte mir Persephone und legte sich zusammen gerollt auf meinen Bauch. Sanft begann ich sie zu streicheln und spürte bald ihr Schnurren.

Euer Papa ist bald wieder da“, sagte ich mit leiser Stimme, als Hades auf die Sofalehne sprang und mit intelligentem Blick zu mir herab schaute, „er ist bald wieder da und bis dahin passt Mama auf euch auf“.

Ich verbrachte eine Stunde in Arnes Wohnung und spielte mit den Katzen, dann machte ich mich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen wurde ich sofort von Killian und Finley in die Arme geschlossen und die Tränen liefen erneut mein Gesicht herunter.

Nachdem ich es irgendwie geschafft hatte doch ein paar Bissen Abendbrot zu essen, sagte ich den beiden: „ich werde ein paar Sachen packen und vorerst in Arnes Wohnung leben. Für die Katzen ist hier kein Platz und so kann ich ein Auge auf die Wohnung und den Laden werfen“.

Killian nickte, „packst du das alleine oder sollen wir auch mit?“ fragte er.

Ich schüttelte sanft den Kopf, „bleibt ihr ruhig hier und gebt auf die Wohnung acht. Es ist doch viel einfacher für euch von hier auf Arbeit zu gehen…“, sagte ich und dann etwas leiser: „ich werde wahrscheinlich Kimi fragen ob er eine Weile mit mir dort wohnt“.

Killian grinste mir entgegen, „seit ihr schon so weit? Darf man euch jetzt offiziell ein Paar nennen?“

Ich schüttelte vehement den Kopf, „nein, darf man nicht, aber da er sowieso fast jeden Abend hier ist, ist das ja keine große Sache und wir sollten auf keinen Fall eine große Sache daraus machen“.

 

Am nächsten Tag allein im Laden zu stehen, war das seltsamste Gefühl der Welt. Es war absolut still und es fühlte sich fast an, als könnte ich die Pflanzen atmen hören. Ich entfernte das Schild von der Tür und kümmerte ich so gut es ging um das tägliche Geschäft. Den Stammkunden sagte ich nur, dass Arne krank ist und dass ich mich vorerst allein um den Laden kümmern würde. Als ich Mittags nach draußen in den Schnee trat und nach meiner Schachtel Zigaretten griff, fingen meine Hände an zu zittern und als ich mir eine zwischen die Lippen steckte, spuckte ich sie sofort auf den Boden. Der Geschmack ekelte mich plötzlich an und ich musste dran denken wie Arne und ich hier gestern geraucht hatten und ah, unsere Zigarettenstummel liegen noch immer im Schnee, daneben meine Ungerauchte. Ich kniff die Augen zusammen und trat schnell wieder in den Laden. ‘Rauchen verursacht Schlaganfälle und Behinderungen’, stand auf meiner Packung geschrieben. Ich verzog das Gesicht und zerdrückte die Schachtel einen Augenblick später mit meinen Händen und warf sie in den Müll. Fuck. Statt Eine zu rauchen, verbrachte ich meine kleinen Pausen jetzt oben in Arnes Wohnung und kümmerte mich um die Katzen. Sie hatten sicherlich begriffen, dass Etwas nichts stimmte, denn sie gaben sich äußerste Mühe mich aufzumuntern und waren noch verschmuster als sonst. Am Abend kam Kimi und brachte Pizza, die er unterwegs gekauft hatte. Nachdem wir fertig waren mit Essen, legten wir uns beide auf die Couch und ich klammerte mich regelrecht an ihn. Zur gleichen Zeit versuchte ich aber nicht über den Elefanten im Raum zu sprechen. Zumindest bis ich es nicht mehr aushielt.

Also…“, begann ich schließlich.

Also…“, entgegnete Kimi und lächelte, während er mir mein Haar aus dem Gesicht strich.

Die Schwester in der Rettungsstelle hat mich sofort als ‘Kimis Chiara’ erkannt“, sagte ich und sah belustigt zu wie er kreidebleich wurde.

Was hat sie gesagt?“

Die Frage ist doch eher, was hast du gesagt? Über all die bedeutungsvollen Blumen? Und den Spaß den wir immer zusammen haben? Und wie sehr du es genießt mit mir und den Jungs Zeit zu verbringen? Und wie vernarrt du in mein schönes, langes schwarzes Haar bist?“ entgegnete ich und grinste während er sein Gesicht in seinen Händen versteckte.

Fuck. Das ist so peinlich“, sagte er nur und ich lachte.

Ich fand es süß“, antwortete ich unschuldig und er sah zweifelnd zu mir, „aber es hat mich auch zum Nachdenken gebracht, besonders jetzt wo wir hier quasi zusammen leben werden…“, begann ich und wandte meinen Blick kurz ab, „sind wir ein Paar? Ein monogames, romantisches Paar?“

Wieder strich Kimi mir Haare aus dem Gesicht und brachte mich dazu zu ihm aufzublicken, „wenn du das willst, Chi. Ich möchte es auf jeden Fall, aber ich kann auch verstehen, dass es dir vielleicht zu ernst ist im Augenblick mit all den anderen Sachen…“, antwortete er mir.

Ich blickte ihm in die Augen und lächelte sanft.

Ich will es auch“, sagte ich, „auch wenn du es dir vielleicht noch einmal überlegen willst. Es ist etabliert dass ich ein Unglücksrabe bin“.

Du könntest mir niemals Unglück bringen“, antwortete er nur bevor er mich küsste. Ich schloss meine Augen und ließ mich in dem Kuss versinken. Für ein paar glorreiche Augenblicke war alles vergessen. Nichts außer Kimis Lippen und meinen Lippen existierte mehr auf dieser Welt. Obwohl mir alles an ihm mittlerweile vertraut war, war es doch noch immer etwas Besonderes ihn zu küssen. Weil ich geliebt wurde, vielleicht? Oder weil ich liebte? Es war egal. Alles war egal, bis wir uns voneinander trennten und still atmeten.

Arne wurde nach zwei Wochen in eine normale Station verlegt und obwohl er sich noch immer schwer mit dem Sprechen tat und auch nicht mehr schreiben konnte, da er Linkshänder war, ging es ihm den Umständen entsprechen gut. Scheinbar war sein Gedächtnis unbeschädigt geblieben, auch wenn er wohl nie wieder gehen können würde.

Stumm beobachtete ich wie die Physiotherapeutin mit Arnes Arm umging. Sie erklärte mir einfache Übungen, die ich auch mit ihm machen könnte ohne spezielle Ausbildung. Als sie fertig wurde, lächelte sie Arne entgegen: „eine gute Freundin haben Sie da. Die Angehörigen sind oft ein wenig Scheu in der ersten Zeit nach dem Infarkt“.

Klaa…Bbb“, begann Arne, „kaa als“, sagte er und lächelte sein halbseitiges Lächeln.

Die kleine Biene kann Alles?“ hakte ich nach und Arne nickte zufrieden, auch ich musste lächeln. Es würde dauern, es würde eine Menge Zeit brauchen, aber Arne war noch immer Arne und wir ließen uns von nichts unter bekommen. Ich hatte im Internet von Schlaganfallpatienten gelesen die plötzlich anfingen zu weinen oder deren Persönlichkeit sich stark verändert hatte, doch bei Arne schien alles soweit unverändert. Den Rest würden wir schon irgendwie packen.

Nach weiteren zwei Wochen im Krankenhaus war Arne stabil genug um ihn zu entlassen und eine spezielle Reha-Klinik einweisen zu können. Ich folgte dem Krankentransport mit meinem eigenen Wagen, der gefüllt war mit Arnes Klamotten und sonstigen Dingen, die er während seiner acht Wochen im Krankenhaus gebrauchen könnte. Die Klinik lag zwei Stunden entfernt von der Stadt, deswegen konnten wir ihn nur am Wochenende besuchen, doch da Kimi und ich beide einen Führerschein und einen Wagen hatten, schafften wir es jedes Wochenende die ganze Truppe dorthin zu fahren und die Klinik einzunehmen. Am Anfang waren die Pfleger nicht unbedingt auf unserer Seite, doch nachdem sie sahen, was für eine gute Wirkung diese Besuche auf Arne hatten, ließen sie es zu.

Persephone wächst mit jedem Tag“, erzählte ich Arne und zeigte ihm Bilder von dem kleinen Kätzchen, „und Hades ist so süß. Immer wenn Persephone einen Sprung nicht schafft oder so, ist er sofort da und tröstet sie, „aber sie vermissen ihren Papa ganz sehr. Sie schlafen jeden Tag in deinem Bett und wehe ich mache Andeutungen die Bettwäsche zu wechseln“.

Arne grinste, „süß“, sagte er, „und ihr?“ fragte er dann und blickte zwischen mir und Kimi hin und her. Einzelne Wörter liefen mittlerweile ganz gut, auch wenn es immer noch schwer war ihn zu verstehen, ab und an zumindest.

Wir haben das Schlafzimmer deiner Eltern entweiht“, sagte ich mit todernster Miene, während Kimi neben mir beschämt sein Gesicht in seinen Händen vergrub.

Das’ mein…Mädchen“, sagte Arne und grinste. Ich tat es ihm gleich und legte einen Arm um Kimis Hüfte, „ich mag es wie schnell du rot wirst“, sagte ich ihm sanft woraufhin er noch viel röter wurde und Arne und ich anfingen laut zu lachen. Zumindest bis Arne sich an irgendetwas verschluckte und wir die Schwester rufen musste. Scheinbar hatte Arne die ganze Zeit über ein Aprikosenstück im Mund an dem er sich nun verschluckt hatte. Nachdem die Tortur vorbei war, riet man uns vorerst nach Hause zu gehen.

Nächste Woche ist meine Prüfung, Arne“, sagte ich ihm zum Abschied, „also drück mir auf jeden Fall die Daumen“.

Arne lächelte und griff mit seiner rechten Hand nach meiner.

Du packst das“, sagte er nur und fügte hinzu: „Meister“.

Arne gab mir einen kurzen Kuss auf die Stirn und wünschte mir noch einmal viel Erfolg, bevor ich den andere Prüflingen nach drinnen folgte und mich der Meisterprüfung stellte. Ich konnte nicht glauben wie schnell ein Jahr vergangen war. Ein Jahr seit dem Elly nicht mehr bei uns war. Ein Jahr seit ich Kimi kennen gelernt hatte. Ein Jahr seit ich angefangen hatte zu pauken und zu pauken.

Die Prüfung nahm den ganzen Tag in Anspruch. Es gab mündliche Teile, mündlich-praktische Teile, schriftliche Teile und noch viel mehr. Als ich endlich nach draußen trat, war mein Kopf einfach nur noch leer. Als hätte ich das Wissen des gesamten letzten Jahres einfach heraus gekotzt und wüsste nun nichts mehr. Ich ließ mich in Kimis Arme fallen, der draußen auf mich gewartet hatte.

Trag mich“, sagte ich nur und legte meine Arme um ihn.

Bis zum Wagen schaffst du es bestimmt“, sagte er und drückte einen kurzen Kuss auf mein Haar, „vielleicht motiviert es dich auch, dass ich Pizza bestellt habe und sie in einer halben Stunde in der Wohnung ankommt“.

Gott, ich liebe dich“, murmelte ich im Gedanken an Pizza und legte dann rasch eine Hand über meinen Mund und schaute mit großen Augen zu Kimi, der mich mit ebenso großen Augen ansah.

Für einen Augenblick schwiegen wir, dann küsste Kimi meine Wange, „ich liebe dich auch, Chi, aber du musst mich nicht Gott nennen“.

Jetzt hast du den Moment kaputt gemacht“, entgegnete ich und verzog das Gesicht.

Sagt diejenige die ihre Liebe gestanden hat, weil Pizza in Aussicht stand“.

Touché“.

Wir schauten uns an und lachten. Selbst als Kimi begann mich zu küssen, konnte ich nicht anders als weiter zu lächeln. Wer hätte das gedacht? Dass der Rettungssanitäter aus jener Nacht tatsächlich mal so wichtig für mich sein würde. Dass ich ihn wirklich lieben würde…

 

Ein paar Wochen später erreichte mich ein großer Din-A4 Umschlag und ich zitterte vor Nervosität als ich ihn langsam öffnete. Mit am Essenstisch in meiner Wohnung saßen Killian und Finley die ebenso nervös wirkten wie ich und mit gespannten Blicken den Umschlag betrachteten.

Wenn sie dir schon extra so einen Umschlag schicken, dann muss es doch was Gutes sein“, sagte Killian schließlich und ich nickte.

Hoffentlich“, murmelte ich und befreite endlich den Inhalt. Es war ein Meisterbrief. Ein Meisterbrief! Damit war sofort geklärt wie die Prüfung gelaufen war! Ich hatte bestanden, ich war ein Meister!

Fuck!“ stieß ich aus, „das ist ein Meisterbrief!“ Ich schaute lachend zu Killian und Finley, die ebenfalls begannen zu grinsen. Einen Augenblick später waren wir alle drei aufgesprungen und hatten uns in eine Umarmung gestürzt. Wir lachten und tanzten vor Freude und es war ein so wunderbares Gefühl, dass ich daran denken musste, wie selten ich mich so erfüllt fühle. Wie selten ich solche tiefgreifenden Gefühle fühlte. Es machte mir ein bisschen Angst, doch ich versuchte nicht mehr länger darüber nachzudenken.

Lächelnd packte ich das kleine, flache, in Papier eingewickelte Paket aus, welches schon seit Monaten im Blumenladen lag mit der Beschriftung: ‘Für meine kleine Biene, sobald sie eine Meister Biene ist’. Der Inhalt war ein einfacher Bilderrahmen und zwei Nägel, doch ich verstand sofort. Ich holte mir einen Hammer und ging zu der Wand, nahe der Eingangstür, an der auch Arnes Meisterbrief hing. Ich schlug die Nägel in die Wand, rahmte meinen Meisterbrief ein und Voilà, er sah perfekt aus so wie er dort hing. Zufrieden begutachtete ich mein Werk, dann sperrte ich die Tür zu und drehte das Schild am Eingang auf ‘Geschlossen’.

Ich klopfte kurz an Arnes Zimmertür bevor ich hinein trat und meinen Mentor lächelnd begrüßte. Er sah gut aus, jetzt wo er nicht mehr in einem Krankenbett lag, sondern in seinem eigenen mit Persephone auf seiner Brust schlafend.

Wortlos legte ich mich neben ihn ins Bett und legte meine Arme um ihn.

Danke, Arne“, sagte ich und vergrub mein Gesicht in seinem Oberteil. Ich spürte wie Persephone sich ein wenig bewegte und sich schließlich gegen meinen Kopf lehnte. Damit war wohl mein Schicksal besiegelt, ich musste hier liegen bleiben. Die Katze hatte es entschieden.

Kleine Biene“, sagte Arne und seine Wort waren mittlerweile einfach zu verstehen, auch wenn er mehr schmatzende Laute von sich gab als Früher, „ich bin so stolz auf dich. So verdammt stolz“.

Ich kann es immer noch nicht fassen“, gestand ich nach ein paar Augenblicken, „alles wirkt so surreal“.

In ein paar Wochen wirst du dich daran gewöhnt haben“, antwortete Arne und ich lächelte sanft. Er hatte natürlich recht, trotzdem war das Gefühl in diesem Augenblick einfach nur seltsam.

Alles war seltsam.

Arne, der hier halbseitig gelähmt in seinem Bett lag.

Kimi, der jeden Augenblick nach Hause kommen würde um uns drein Essen zu kochen.

Ich, die im Augenblick ganz allein den Laden schmiss.

Es war alles seltsam. Als würden wir nicht mehr in unserer wirklichen Realität leben, als noch vor einem Jahr und genau so war es ja auch. Ich versuchte nicht weiter nachzudenken, bevor meine Gedanken in eine noch düstere Ecke abrutschten und vergrub stattdessen mein Gesicht noch mehr in Arnes Oberteil. Ich spürte wie Persephone, an meinen Kopf gelehnt, schnurrte und konzentrierte mich nur darauf. Mit geschlossenen Augen konnte ich so tun, als wäre alles in Ordnung.

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