KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

STRAYS: Kapitel 04

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Killian

Als es endlich Zeit für Sperrmüll war, trafen wir uns alle am Abend vor der Tankstelle. Ich fühlte mich immer am Wohlsten, wenn wir alle zusammen waren. Gut, Svea war noch immer in der Klinik, doch wir hatten sie heute Vormittag besucht und sie machte gute Fortschritte.

Ich stand ein wenig abseits der Gruppe zusammen mit Arne um die anderen nicht zu stören, während wir unsere obligatorische Zigarette rauchten. Aarons Schicht würde bald enden und dann würden wir mit unseren zwei Wägen durch die Nachbarschaft fahren und nach gutem Sperrmüll suchen. Ich lächelte als ich sah, wie sorgenfrei Finley lachte nachdem Nastja irgendeine lustige Geschichte erzählt hatte. Auch Killian sah um einiges besser aus. Er lachte wieder richtig und sein Gesicht hatte eine gesunde Farbe angenommen.

Wie läuft es mit der Adoption?“ fragte mich Arne nach ein paar Augenblicken, als Finley gerade auf Killians Rücken sprang und Killian dazu zwang ihn zu tragen.

Es ist ein bürokratischer Alptraum. Wir haben immer noch nicht genug geklärt um überhaupt offiziell damit anzufangen. Er muss ja auch vor seinen Eltern geschützt werden. Wie sich heraus gestellt hat, sind sie wohl sehr einflussreich…“, erklärte ich und schnaufte genervt. Warum konnte das Leben nicht einmal einfach sein?

Man sollte meinen es wäre einfacher ein Kind vor Gewalt zu schützen…“, murmelte Arne und trat seine Zigarette aus, als Aaron mit breitem Grinsen aus der Tankstelle kam. Ich tat es Arne gleich und wir beide gesellten uns wortlos wieder zu den anderen.

Also, wie sieht der Plan aus?“ fragte Aaron nach wie vor grinsend und schaute zu mir. Ich tauschte einen Blick mit Arne aus bevor ich verkündete: „wir haben zwei Wagen. Killian du fährst mit in einem Wagen – Aaron du bist Arnes Beifahrer. Euer Wagen ist zwar kleiner, aber ihr habt einen Anhänger. Finley und Nastja, eure Aufgabe ist es die Gegend zu erkunden während wir die guten Sachen in die Wägen verladen und zum Konsum fahren“.

Die anderen nickten zustimmend und schon war es beschlossen. Killian kletterte auf den Beifahrersitz, nachdem wir die Rücksitze runter geklappt hatten und wir fuhren los.

Suchst du nach irgendetwas Bestimmten?“ fragte er mich während wir in Schrittgeschwindigkeit die Nachbarschaft absuchten. Inzwischen war es dunkel geworden draußen und die Straßen waren menschenleer.

Wir könnten eine neue Couch gebrauchen. Meine ist schon echt alt und ich will das Finley auch ein bequemes Bett hat.

Killian summte zustimmend bevor er nach vorne deutete: „wie wäre es mit der?“ fragte er und wir hielten an. Die Couch war zwar ideal, aber sie war feucht und schimmelig. Da war meine alte ranzige Couch eine Schönheit dagegen.

So verlief der Abend. Gegen Mitternacht standen wir dann alle versammelt vor Konsum Floristik und begutachteten unsere Beute. Wir hatten ein wunderbares Schlafsofa für Finley gefunden, einen neuen Esstisch (plus Stühle) und neue Matratzen für mein Bett. Auch die anderen hatten hier und da das ein oder andere mitgenommen. Am zufriedensten war Aaron, denn er hatte ein paar Inlineskater gefunden, die ihm passten wie angegossen.

OK, Kiddos, Onkel Arne fährt euch jetzt heim“, sagte Arne und schaute zu Anastasia und Aaron. Wir verabschiedeten uns alle von einander. Arne nahm mich noch einmal in den Arm und gab meiner Stirn einen Kuss mit den Worten: „bis Morgen, kleine Biene“ und dann fuhr ich mich, Killian und Finley nach Hause.

Am nächsten Tag verteilten wir dann die Möbel auf die Wohnungen und schon ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang.

Verdammt, fühlt sich das gut an!“ sagte Finley und ließ sich lachend auf das neue Sofa fallen, „ich kann nicht glauben, dass Leute sowas Gutes einfach weg schmeißen!“

Ich summte von meinem Platz am Esstisch aus und trank einen Schluck von meinem lauwarmen Kaffee.

Für die, die diese Couch weg geschmissen haben, ist sie bestimmt nichts mehr gutes gewesen“, antwortete ich murmelnd und studierte weiter meine Unterlagen, „auf die Perspektive kommt es an“.

Genervt verzog ich das Gesicht als ich wieder und wieder über ein Wort stolperte, dass ich nicht verstand.

Hast du eine Ahnung was Indemnität bedeutet?“ fragte ich Finley schließlich, der ahnungslos den Kopf schüttelte. Seufzten stand ich auf und suchte mein Handy um im Internet nachzuschlagen.

Eine Freistellung von rechtlicher Strafverfolgung… Huh, klingt doch ganz nützlich“, murmelte ich und Finley trat zu mir um mir auf die Schulter zu klopfen.
„Ich mache Abendbrot. Kill müsste auch bald wieder Zuhause sein“, sagte er und lächelte.

Ich wischte mir gespielt Tränen aus den Augen und sagte: „Ich liebe dich“.

Weil ich kochen kann?“ fragte Finley darauf.

Nein, auch wenn das ein großes Plus ist“, sagte ich grinsend und strich ihm durchs Haare, bevor ich mich wieder hinsetzte und weiter las. Indemnität. Indemnität. Warum waren all diese Ausdrücke so… Fachspezifisch… Gib es vielleicht doch ein Buch ‘Jura für Dummies’?

Eine halbe Stunde später saßen Finley und ich (ohne Papierkram) am Tisch und warteten auf Killian. Er war spät dran heute und hatte meine Nachrichten noch nicht gelesen. Zehn Minuten später seufzte ich und meinte zu Finley; „wir sollten essen. Killian kann sich sein Essen später warm machen“.

Wir aßen in angespannter Stille. Es war verdammt unüblich für Killian Überstunden zu machen und noch viel seltsamer, dass er nicht auf meine Nachrichten reagierte.

Dann schließlich folgte eine Antwort von ihm:

ich penne heute bei einem kumpel

Wenn er Kumpel sagt, meint er dann einen Hook-Up?“ fragte Finley mit erröteten Wangen.

Ich lächelte sanft, „vielleicht, aber Killian ist eigentlich nicht der Typ dafür, also mach dir keine Sorgen“, antwortete ich ihm.

Wie…Wieso sollte ich mir Sorgen machen?“ erwiderte er nur und kratze seinen Hinterkopf. Ah, noch einmal jung und zum ersten Mal verknallt sein… Ich lachte nur und als wir fertig waren mit Essen, entschieden wir uns für einen Filmabend zu Zweit. Tatsächlich gab es an dem Abend einen Iron Man Marathon – Der Himmel auf Erden für Finley, der ein großer Marvel Fan war. Während er wie gefesselt vor dem Fernseher saß und zum wer weiß wie wievieltem Mal Iron Man sah, nahm ich mir diskret ein Buch und las.

Das Klingeln meines Handys riss mich plötzlich aus dem Schlaf und ich stöhnte genervt und versuchte mich aufzusetzen, doch scheiterte dabei. Finley und ich waren wohl auf dem Sofa eingeschlafen und nun klammerte er sich an mich wie ein Koala. Vorsichtig löste ich mich aus dieser Umarmung und ging um den Hörer abzunehmen. Mir war sofort unwohl bei der Sache. Es war nachts um zwei. Wenn mich nachts um zwei jemand anrief, dann konnte das nichts Gutes bedeuten. Ich blickte auf den Bildschirm. Killian.

Chiara?“ fragte er mit leiser Stimme.

Killian?“ erwiderte ich nur.

Hör zu…Ich habe Scheiße gebaut… Ich habe wirklich Scheiße gebaut“, sagte er mit einem Zittern in seiner Stimme.

Was ist denn passiert? Wo bist du?“ fragte ich ruhig.

Ich habe… Ich habe Bastian umgebracht…“, brachte er schließlich raus und ich schluckte, bevor ich mit ernstem Ton fragte: „wo bist du jetzt? In seiner Wohnung?“

Killian schluchzte am anderen Ende und ich griff schnell meine Sachen und ging zum Auto. Während der ganzen Fahrt legte ich nicht auf und fragte Killian alle paar Augenblicke ob er noch da sei, worauf er immer mit einem Schluchzen antwortete.

Als ich schließlich ankam, war die Wohnungstür geöffnet. Killian saß zusammengekauert in einer Ecke des Wohnzimmers, seine Klamotten waren tief rot gefärbt durch Blut und mitten im Zimmer lag Bastian in einer großen Blutlache, leichenblass. Ich nahm einen tiefen Atemzug und lief zu ihm um seinen Puls zu prüfen und zu sehen ob er noch atmete, doch er war bereits tot. Wahrscheinlich schon eine Weile, denn er begann starr zu werden.

Vorsichtig trat ich zu Killian und hockte mich vor ihn.

Was ist passiert, Liebling? Kannst du mir sagen was passiert ist?“ fragte ich ihn vorsichtig und griff nach seinen mit Blut beschmierten Händen.

Killian nahm ein paar tiefe Atemzüge und sagte schließlich: „ich… Er ist auf Arbeit aufgetaucht und hat sich entschuldigt und ich… Ich dachte… Es könnte vielleicht doch noch was werden und dann sind wir her gekommen und er… Er hat…“.

Killian beugte sich nach vorn über und versuchte sich zu übergeben, doch nichts kam mehr heraus. Den Flecken auf seiner Kleidung nach zu urteilen, war es nicht das erste Mal, dass er es heute versuchte. Ruhig strich ich ihm mit meinen Händen über den Rücken um ihn zu beruhigen.

Er hat dich angegriffen…?“ fragte ich schließlich.
Killian nickte, „und dann… er… hat mich gezwungen“, wieder musste er stoppen, dieses Mal um verzweifelt nach Luft zu schnappen. Ein ungutes Gefühl kam über mich und ich musterte Killian noch einmal. Seine Lippe blutete. Er hatte Würgespuren am Hals und seine Hose war geöffnet.

Er hatte dieses dumme, spitze Glasdekoding… Und ich habe es genommen und zugestochen… Wieder und wieder und wieder und als ich wieder zu mir kam, war er schon tot“, erklärte Killian und ich nickte.

Ich muss die Polizei rufen, Killian“, sagte ich ihm und seine Augen weiteten sich.

Nein, bitte, Chi. Ich kann das nicht. Ich kann nicht ins Gefängnis. Bitte, das kannst du nicht tun!“ flehte er mich an, aber ich schüttelte den Kopf.

Kill, du kommst nicht ins Gefängnis. Das war eindeutig Notwehr und wir alle können für dich aussagen nach all den Jahren in denen dieser Wichser dir weh getan hat“, erklärte ich ihm mit fester Stimme.

Eine Weile ging es so hin und her bis er mir schließlich erlaubte den Notruf zu wählen. Zehn Minuten vergingen bis niemand anderes als Kimi Räikkönen die Wohnung betrat. Mit großen Augen blickte er zwischen mir, Killian und Bastian hin und her und machte sich dann an die Arbeit. Bastian war nicht mehr zu helfen. Sie transportierten ihn fort und Killians Verletzungen wurden auch behandelt und dokumentiert und dann wurden wir beide von der Polizei abgeführt.

Frau Krämer“, begann der Polizist, der mir und Killian gegenüber saß, „dies ist bereits das zweite Mal binnen kürzester Zeit dass sie an einem Tatort auftauchen. Wenn man ihr Führungszeugnis und ihre Zeit im Jugendgefängnis betrachtet, ist dies alles sehr verdächtig“.

Ich schloss meine Augen für einen Augenblick und atmete durch: „als Killian mich angerufen hat, war Bastian bereits tot, das können Sie aus meiner Anrufliste erkennen und Sie können sicher auch das GPS meines Handys nachverfolgen“, sagte ich kühl. Finley hätte mir ein Alibi geben können, aber er durfte sich der Polizei noch nicht offenbaren. Er hatte sowieso geschlafen als ich aufgebrochen war.

Sie sagt die Wahrheit. Sie hat nichts mit all dem zu tun. Sie war nur dort, weil ich sie angerufen habe!“ sagte Killian und sah den Polizist eindringlich an. Zimmermann hieß er.

Und warum haben Sie Frau Krämer benachrichtigt und nicht sofort den Notruf gewählt? Wollten Sie den Mord als Notwehr tarnen?“ fragte er daraufhin.

Nein, ich…“, begann Killian und ich griff unter dem Tisch nach seiner Hand, „sie kennen meine Akte, darin können Sie klar ablesen, warum ich kein Vertrauen in die Polizei habe“, sagte er schließlich mit erstaunlich selbstsicherer Stimme.

Ich hatte Angst. Ich wusste nicht… Ich weiß immer noch nicht was passiert ist… Und Chiara. Wenn man Chiara um Hilfe bittet ist sie immer da“, sagte er, nun wieder ein wenig leiser und zittriger. Ich drückte seine Hand kurz, bevor es sofort mit den Fragen weiterging. Früh am Morgen verließ ich dann schließlich das Polizeirevier und fühlte mich ranzig. Zu meiner großen Überraschung, stand Kimi am Eingang und trat auf mich zu. Entschlossen nahm er mich in den Arm und ich legte meine Arme um ihn und drückte ihn fest an mich.

Als wir uns voneinander lösten, sagte ich mit rauer Stimme: „ich muss Arne anrufen und dann heim zu Finley… Scheiße… Und mein Wagen steht noch vor dem Haus“,sagte ich und Kimi nickte, „ich fahre dich“, antwortete er einfach und nahm meine Hand. Während wir zu Bastians Wohnung fuhren, redete ich kurz mit Arne und bat ihn um zwei Tage Urlaub, die er mir ohne Fragen gewährte.

Kimi folgte mir auch zu meiner Wohnung und als ich gerade die Wohnungstür aufschloss, wurde sie auch schon von innen geöffnet und Finley schaute mich erwartungsvollen, großen Augen an.

Was ist passiert?“

 

Ich fühlte mich mehr als nur beschissen. Ich hatte gleich zweimal an einem Tag vergessen meine Medikamente zu nehmen und jetzt fühlte ich mich einfach nur mehr als beschissen. Das Tageslicht war zu grell, ein pochender Schmerz in meinem Kopf machte Denken unmöglich und ich fühlte mich durchgängig, als müsste ich mich übergeben.

Mein einziger Trost war Kimi Räikkönen, der aus irgendeinem Grund an meiner Seite blieb auch nachdem mit Finley alles geklärt war und der Kleine auf Arbeit gegangen war. So lag ich jetzt zusammengekauert in meinem Bett, mit dem Kopf auf Kimis Oberschenkel, während er mir sanft durchs Haar strich.

Dein Leben ist sehr… Aufbrausend“, sagte Kimi schließlich und ich gab ein zustimmendes Geräusch von mir. Ich mochte wir er durch mein Haar fuhr und wie seine Stimme klang und Alles.

Erzähl mir etwas. Irgendetwas“, bat ich ihn schließlich und lehnte mich noch mehr in seine Berührung.

Irgendwas?“ fragte er kurz ohne eine Antwort hören zu wollen, „ich wollte dir sagen, dass du mich inspiriert hast. Mit deinem Pauken um den Meister zu bekommen. Ich habe mich ein bisschen Schlau gemacht und so wie es aussieht, werde ich ein Studium anfangen um Notarzt zu werden“, erzählte er ruhig.

Wirklich?“

Hmm, habe mir gedacht, es ist nie zu spät um nicht doch noch zu studieren“, sagte er.

Ich lachte sanft, „da hast du recht. Wir sollten eine Lerngruppe gründen“, schlug ich dann scherzhaft vor.

Das klingt gar nicht so schlecht?“

Wirklich?“

Ja, wirklich. Ich wollte dich sowieso fragen ob du nicht vielleicht mal Lust hast mit mir auf ein Date zu gehen. Wir könnten ein Lerndate draus machen“, sagte er und ich nickte ein wenig.

OK“, sagte ich nur und dann einen Augenblick später: „Gott sind wir Loser. Unser erstes Date und wir lernen“.

Kimi lachte, „ich muss mich ja erstmal einschreiben und es dauert noch eine Weile bis es losgeht, also habe ich definitiv noch genug Zeit um mit dir auf ein paar Dates zu gehen, die nichts mit Lernen zu tun haben“.

 

Die folgenden Wochen, Monate… waren hart. Killian saß eine ganze Weile in Untersuchungshaft und niemand von uns konnte Kaution stellen, bis schließlich der Prozesstag kam und er freigesprochen wurde. Zur selben Zeit machte ich auch Fortschritte im Fall Finley und wir wagten es schließlich zusammen zur Polizei zu gehen und seine Eltern anzuklagen. Herr Zimmermann war nicht sehr erfreut mich schon wieder zu sehen, besonders da ich dieses Mal mit einem jungen Mann ankam, der bereits vor Jahren für tot erklärt wurde.

Svea wurde nach zwei Monaten in der Klinik endlich entlassen und da Anastasia gerade Semesterferien hatte, machten sie sich zusammen daran, Sveas Leben wieder neu aufzubauen. Sie suchte sich einen neuen Job mit angenehmeren Arbeitszeiten und weniger Umgang mit Alkohol. Ich war wirklich unglaublich stolz auf sie.

Was mich betraf. Ich ging ein paar Mal mit Kimi aus, soweit es meine Freizeit erlaubte, denn ich war stark eingebunden. Wir hatten Spaß miteinander und ehe ich es richtig begriffen hatte, war er ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Fast täglich war er abends bei mir und wir aßen zusammen mit Killian und Finley, lachten, räumten zusammen auf… Es war wie der Himmel auf Erden.

Der Herbst verging und ehe ich es mich versah, waren wir auch schon mitten im Weihnachtsstress.

Ich schloss die Kühlkammer hinter mir und stöhnte laut, „wenn ich noch einen einzigen Weihnachtsstern sehen muss, dann kotze ich“, sagte ich Arne genervt und er schmunzelte nur, denn er war meine weihnachtliche Stimmung bereits gewöhnt. Ich schloss meinen Augen für einen Augenblick, dann öffnete ich sie wieder und ja, der gesamte Laden war von oben bis unten gefüllt mit Weihnachtssternen, Weihnachtskränzen, Tannen- und Fichtenästen und allem anderen Weihnachtskram.

Widerlich“, sagte ich nur und lief zur Theke um die Bestellliste zu begutachten.

OK. Ich werde noch ein paar Adventskränze machen“, sagte ich und las mir die Kundenwünsche durch, „was zur Hölle? Will die Frau hier wirklich einen Adventskranz mit Weihnachtsstern in der Mitte. Sie ist ab heute mein Erzfeind. Das ist einfach nur geschmacklos“.

OK. Ich prüfe noch mal unseren Fichten- und Tannenvorrat. Ich muss heute noch auf den Friedhof und die Gräber abdecken, für die wir verantwortlich sind. Heute Nacht sollen wir zum ersten Mal Minus-Temperaturen haben“, entgegnete Arne und ich gab ihm nur einen Daumen nach oben.

Als Weihnachten dann endlich vor der Tür stand, überraschte es mich wie jedes Jahr. Wegen all dem Stress hatte ich kaum Zeit mit hinzusetzen und mich um meine eignen Geschäfte zu kümmern. Wie immer kaufte ich also meine Weihnachtsgeschenke am Tag vor Heiligabend. Wie immer feierten wir in Arnes Wohnung, direkt über dem Laden, denn er hatte von uns allen den meisten Platz. Es war unser erstes Weihnachten ohne Elly, die wir alle nach wie vor sehr vermissten, und auch ohne Bastian, den wir alle nicht wirklich vermissten. Dafür war es auch unser erstes Weihnachten mit Kimi. Und auch unser erstes Weihnachten mit Arnes jüngstem Kätzchen – Persephone. Er hatte noch einen Kater, den er Hades getauft hatte. Eigentlich hatte Arne auch geplant die Eisverkäuferin auch einzuladen, doch sie hatte überraschend letzte Woche Schluss gemacht, weil sie genervt war wie wenig Zeit Arne für sie hatte in der romantischen Weihnachtszeit. Jemand der nicht begreifen konnte wie stressig diese Zeit für den Einzelhandel war, war hier eh nicht Willkommen.

Nach alter Tradition versammelten wir uns alle am Abend im Garten um ein Feuer herum. Zum ersten Mal in den letzten fünf Jahren hatten wir sogar wieder ein weißes Weihnachten.

Ihr wisst ja alle wie es funktioniert und dir habe ich es auch erklärt, Kimi“, begann ich und presste einen kurzen Kuss auf Kimis Wange, „ich bin dankbar, dass Finley und Killian jetzt bei mir wohnen und mich jeden Tag mit einem Lächeln aufwachen lassen. Ich bin stolz, dass ich die Zeit in der Klinik überstanden habe und seit dem keine Episode mehr hatte. Ich nehme mir vor nächstes Jahr die Meisterprüfung zu bestehen“.

Wir stießen alle darauf an und Killian erhob sich als nächster.

Ich bin dankbar, dass Chiara mich bei sich aufgenommen hat und ich nicht im Gefängnis gelandet bin. Ich bin stolz darauf, mich endlich gegen Bastian zu Wehr gesetzt zu haben, auch wenn ich bereue dass er dabei gestorben ist. Ich nehme mir vor einen besser bezahlten Job zu finden um Chiara finanziell mehr unterstützen zu können“.

Arne war dankbar für die Eisverkäuferin, auch wenn sie ihn abserviert hatte. Aaron war stolz endlich ein Indikationsschreiben von seinem Therapeuten bekommen zu haben und nahm sich vor nächstes Jahr sein Recht einzufordern. Kimi war dankbar mich kennen gelernt zu haben und Svea war stolz, dass sie noch immer trocken war. Anastasia nahm sich vor nächstes Jahr ihren Bachelor zu machen und wir stießen alle wieder und wieder an, bis wir durch waren und fast alle betrunken, mit Ausnahme von mir, Svea und Anastasia.

Ich blickte voller Zuversicht ins neue Jahr.

Mit einem breiten Grinsen zeigte ich Arne das Foto, dass ich gestern auf dem Weg zur Arbeit gemachte hatte. Wie immer standen wir zusammen vor dem Laden und rauchten unsere morgendliche Zigarette.

Die ersten Schneeglöckchen. Der Frühling ist wieder da“, sagte ich und er klopfte mir auf die Schulter.

Bist du aufgeregt wegen deiner Meisterprüfung?“ wollte er daraufhin von mir wissen.

Ich zuckte mit den Schultern, „ein bisschen, aber ich vertraue dir und wenn du meinst, dass ich das schaffe, dann schaffe ich es auch“, antwortete ich. Wir warfen unsere Zigaretten in den Schnee und gingen wieder nach drinnen. Ich schloss die Ladentür hinter mir und wollte gerade etwas sagen, als ich Arne auf seinem Weg zur Theke taumeln sah. Er stützte sich kurz an einem Regel ab, ging noch ein paar wacklige Schritte und brach dann einfach so zusammen. Ich eilte sofort an seine Seite, bereit ihm wieder auf zu helfen, doch sein Körper krümmte sich und er war nicht mehr in der Lage ein verständliches Wort von sich zu geben.

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