KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

STRAYS: Kapitel 02

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Svea

Wir saßen gerade draußen auf dem Bürgersteig vor dem Laden, als Arne mir die Frage stellte und ich musste so sehr husten, dass ich mich nach vorne beugte und mit einer Hand nach meinem Oberteil krallte.

Willst du die Meisterprüfung ablegen?“

Als ich mich endlich beruhigt hatte, stahl ich ihm seine Zigarette und rauchte sie weiter, da ich meine beim Husten auf die Straße geworfen hatte.

Wie kommst du darauf?“ wollte ich daraufhin wissen, „ich bin gerade mal 28 und noch nicht so lange mit der Ausbildung fertig…“.

Nein, nein, es ist in Ordnung. Du brauchst mindestens drei Jahre Arbeitserfahrung nach der Ausbildung und du hast schon fünf. Ich dachte nur, es ist knapp mit dem Geld bei dir und dann könntest du Meister-BAföG beantragen. Außerdem will ich, dass du den Laden irgendwann übernimmst“, antwortete er mir und stand auf um meine Zigarette von der Straße zu holen. Sie glimmte noch, also steckte er sie sich zwischen die Lippen.

Red nicht davon… Was wenn du die Eisverkäuferin heiratest und noch zehn Kinder bekommst? Du bist doch gerade mal… was? Mitte vierzig?“ entgegnete ich. Arne lachte nur und legte einen Arm um meine Schulter um mich an sich zu ziehen.

Ich werde keine zehn Kinder haben. Ich hab doch schon dich“, sagte er und ich brannte mir diese Worte ins Herz, „also, was sagst du? Florist-Meister?“

Ja, wenn du denkst ich packe das, verdammt, ja“, antwortete ich ihm schließlich und lehnte mich in seine Seite.

Ja, kleine Biene, du schaffst das auf jeden Fall“.

Meine Euphorie verging recht schnell. Ich musste pauken, richtig pauken, wie seit der Schule nicht mehr und ich hasste es, auch wenn Arne sich wirklich Mühe gab es mir so angenehm und stressfrei wie möglich zu machen. Das Schlimmste jedoch: der BAföG-Antrag. Irgendwann packte ich einfach nur den ganzen Stapel Unterlagen und fuhr zu Svea und Anastasia.

Ich brauche Hilfe. Oder zumindest Gesellschaft“, sagte ich zu Svea als sie mich taumelnd herein bat. Ich schaute mich um. Auf dem Küchentisch standen diverse leere Flaschen und so wie es aussah war Anastasia nicht Zuhause. Svea ließ sich geradezu auf das kleine Sofa fallen, dass im Wohnzimmer stand. Ich folgte ihr und setzte mich auf die Kante des Sofas und begann ihr durchs Haar zu streicheln.

Hey, Kleine, was ist los?“ fragte ich sie leise, „du weißt doch, dass du dich jederzeit an mich wenden kannst“.

Ich wollte dich nicht nerven…“, murmelte sie in die Sofakissen, „ich weiß doch wie viel du um die Ohren hast“. Ihr Sprache war ein bisschen verwaschen und es war schwer sie zu verstehen, aber ich hatte mittlerweile genug Übung.

Musst du heute nicht auf Arbeit?“ wollte ich von ihr wissen und sie schüttelte nur den Kopf. Für ein paar Momente fuhr ich einfach nur mit meinen Fingern durch ihr langes, dunkles Haar und summte eine kleine Melodie vor mich hin.

Nastja?“ fragte ich irgendwann.

Hat Spätschicht“.

Dann konnte ich Anastasia also schon mal nicht um Hilfe bitten beim Ausfüllen meines BAföG-Antrags. Nachdem ich Svea so gesehen hatte, war mir aber sowieso nicht mehr danach. Svea hatte Priorität. Langsam drehte sie sich und positionierte sich so, dass ihr Kopf in meinem Schoß lag. Außerdem legte sie ihre Arme um meine Mitte.

Ich vermisse Elly“, sagte sie schließlich und begann zu zittern und zu weinen. Ich fühlte wie ihre Tränen mein Oberteil tränkten und strich ihr über den Rücken um sie ein wenig zu beruhigen.

Ich vermisse sie auch…“, flüsterte ich als Antwort und lehnte mich ein wenig nach vorne, krümmte mich um sie, versuchte sie mit meinem Körper vom Rest des Raumes zu schützen.

Weißt du noch…“, begann Svea schluchzend, „weißt du noch, wie Elly gewettet hat, dass sie schneller mit ‘nem Trabi ist als Arne?“, erzählte sie und ihr Dialekt wurde immer deutlicher, „und dann hat sie dem Patzsche seinen Trabi geklaut? Und Arne zum Wettrennen ‘rausgefordert?“

Ich lachte leise in Erinnerung an den Tag, „aber Arne hat gewonnen“, beendete ich und griff nach meinem Oberteil um damit Svea die Rotze aus dem Gesicht zu wischen. Sie ließ es über sich ergehen und schaute zu mir auf, „Chiara…“, säuselte sie, „Chiara… Chiara… Chiara“, begann sie zu nuscheln, „Arne ist ein Flitzer, der Schnellste, der Trabimeister, dein Blumenjunge“. Wieder lachte ich und ruhte eine Hand auf ihrer Wange, „das ist er wohl“.

Chiara, ich muss kotzen“.

Die Aussage kam überraschend, aber der Umstand nicht. Svea sah nicht gut aus, sie sah wirklich nicht gut aus. Sie sah aus, als würde sie sich jeden Augenblick übergeben, also half ich ihr vorsichtig auf und begann sie ins Badezimmer zu führen, doch sie schaffte es nicht mehr und kotzte auf meine Hose. Wieder begann sie zu weinen, obwohl, eher zu heulen. Ich brachte sie trotzdem ins Bad. Sie ließ sich neben das Klo fallen und kotzte weiter. Ich tat, was man nun einmal tat, hielt ihr die Haare zurück und kreiste mit meinen Händen über ihren Rücken. Immer wieder lehnte sich Svea in meine Seite und schluchzte, „es tut mir leid, Chiara, es tut mir leid“. Irgendwann wandelte sich mein Name in den von Elly und ich half ihr auf die Beine, half ihr beim Ausziehen, setzte sie in die Badewanne und ließ ein bisschen Wasser ein. Als ich in ihr Zimmer trat, hielt ich kurz inne und atmete durch. Ich fühlte mich, als würde ich ersticken. Ich suchte Svea ein paar Klamotten zusammen. Sie war währenddessen in der Badewanne eingeschlafen.

Vorsichtig weckte ich sie, half ihr den Rest der Kotze aus dem Gesicht zu wischen und reichte ihr ein bisschen Mundwasser. Als ich sie schließlich angezogen in ihr Bett legte, war sie schon wieder fast weggetreten, doch sie griff nach meiner Hand und sagte mit gebrochener Stimme und gebrochenem Herzen: „bleib, bitte“.

Ich ignorierte meine schmutzige Hose und den Gestank und setzte mich neben sie aufs Bett und summte solange vor mich hin, bis sie schließlich eingeschlafen war. Danach positionierte ich ihren Körper vorsichtig in der stabilen Seitenlage, damit sie nicht ersticken konnte, sollte sie sich noch einmal übergeben.

Es war mittlerweile elf Uhr abends und Anastasia sollte sicherlich bald wiederkommen. Nach einer kurzen Dusche, suchte ich mir irgendwo eine Trainingshose und verstaute meine in einem Plastikbeutel, auch die Haare band ich mir nach hinten. Nervös, ich war irgendwie nervös. Oder eher aufgeregt? Auf jeden Fall konnte ich nicht stillsitzen, auch nicht, nachdem ich die Wohnung aufgeräumt, die Kotze aufgewischt und die Flaschen zum Müll gebracht hatte. Ich wollte trotzdem noch auf Anastasia warten und scrollte durch meine Kontakte um mich zu beschäftigen. Kimi Räikkönen. Ich hatte ihn total vergessen in den letzten Wochen. Monaten?

wow. ich habe dir gar nicht geschrieben. sorry, das leben war scheiße

23:13

rebellin! ich musste oft an dich denken…was gibt es?

23:15

arbeitest du heute nacht wieder?

23:15

tatsächlich bin ich gerade nach hause gekommen

23:16

wie wäre es mit vögeln?

23:17

das ist… direkt. aber OK. nur wenn wir danach eine rauchen?

23:18

deal. schick mir deine adresse.

23:18

Anastasia kam in dem Moment nach Hause, als ich gerade ausrechnete, wie lang ich zu meinem booty call fahren musste. Ich stand auf und umarmte sie zur Begrüßung.

Wie war es auf Arbeit? Und in der Uni?“ wollte ich von ihr wissen und sie setzte sich zu mir auf das Sofa und seufzte, „frag nicht. Ich bin so müde… Was machst du hier?“

Eigentlich wollte ich dich nach Hilfe wegen meinem BaföG-Antrag fragen, aber Svea… Wie steht es um sie? Geht sie noch arbeiten?“ wollte ich wissen.

Anastasia und hielt kurz inne, bevor sie antwortete: „Chiara, ich muss ganz ehrlich sein. Ich mache mir wirklich Sorgen um sie. Sie trinkt noch mehr seit Ellys Tod und ihr Vater macht auch Probleme… Sie geht auch nicht mehr regelmäßig auf Arbeit. Ich habe gehört wie sie mit ihrem Chef telefoniert hat, er hat gedroht, dass er sie feuert, wenn sie so weiter macht“.

Fuck. Es war schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Wir mussten handeln, wir mussten schnell handeln.

Ich nickte und strich mit meiner Hand über Anastasias kurze Haare und stand auf, „OK, danke, dass du es mir gesagt hast. Kannst du heute Nacht bei ihr im Zimmer schlafen, falls es ihr immer noch schlecht geht?“. Anastasia lehnte sich in meine Berührung und nickte, „gut, dann geh schlafen und ruh dich gut aus. Wir sehen Morgen weiter“.

Die Fahrt zu Kimis Wohnung dauerte zehn Minuten. Ich fuhr mit offenem Fenster und einer Zigarette zwischen den Lippen. Irgendeine zufällige Lo-Fi Playlist lief. Ein paar Stunden später fuhr ich zurück zu meiner Wohnung und fühlte mich, als würde ich endlich schlafen können.

Am nächsten Tag, nach der Arbeit, fuhr ich zu Killian. Er wollte nicht dass ich hochkomme, also wartete er schon unten auf der Straße auf mich. Unterwegs sammelten wir Finley ein. Wir parkten den Wagen in einer Plattensiedlung und machten uns auf dem Weg durch Sträucher und Büsche, bis wir auf einem kleinen Felsvorsprung ankamen. Von den Plattenbauten aus, konnte man uns nicht sehen, doch wir konnten auf die Berge der Stadt und ihr Zentrum hinab blicken. Um eine Feuerstelle standen ein paar kaputte Stühle, Sessel und eine Ledercouch. Ich ließ mich in einen der Sessel fallen und wollte rauchen, aber Finley musste immer husten wenn ich das tat. Natürlich sagte er nie etwas, aber ich gab mir trotzdem Mühe es zu vermeiden in seiner Gegenwart. Trotzdem kramte ich ein Zippo aus der Tasche meiner Lederjacke und begann mit dem Verschluss zu spielen.

Ich habe mit Kimi Räikkönen geschlafen“, sagte ich schließlich und Killian lachte, „einfach so?“ fragte er. Ich zuckte mit den Schultern, „ich musste ein bisschen Stress abbauen“.

Und jetzt? Freundschaft plus? Oder wollt ihr mal ausgehen?“ entgegnete er.

Wieder zuckte ich mit den Schultern, „ich schätze mal, wir bleiben beim gelegentlichen booty call. War aber ganz schön“, antwortete ich ihm schließlich, „er hatte einen richtig schönen Waschbrettbauch. Normalerweise, bin ich kein Fan davon, aber bei ihm sah es gut aus. Wie richtige Muskeln, nicht nur im Studio gepumpt“.

Killian begann bis zu den Ohren zu grinsen und auch Finley musste ein wenig schmunzeln. Ich lehnte mich zurück und blickte zu unserem Jüngsten, „wie geht’s dir, Kiddo? Läuft die Arbeit gut?“

Finley summte und schaute für einen Augenblick zu Himmel, „alles beim Alten“, sagte er knapp und Killian, der neben ihm auf dem Sofa saß, legte einen Arm um seine Schulter, „willst du nicht vielleicht doch deinen Schulabschluss nachholen?“

Finley wurde sofort rot wie eine Tomate und ich wusste immer noch nicht, ob Killian wusste wie sehr der Kleine in ihn verknallt war oder nicht. Wahrscheinlich interpretierte er sein Erröten als Scham.

Ich weiß nicht“, seufzte Finley, „ich denke nicht…“. Sein Ton machte es unmissverständlich, dass er nicht weiter darüber reden wollte. Ich spielte weiter mit dem Zippo und zündete ab und an eine kleine Flamme.

Hey, Kill, eigentlich wollte ich heute was mit dir bequatschen“, sagte ich schließlich. Killian nickte und schaute zu mir.

Anastasia und ich machen uns wirklich Sorgen um Svea. Du weißt, sie stand Elly am nächsten… Sie kommt nicht gut damit klar, sie braucht Hilfe“, erklärte ich und lehnte mich wieder nach vorne. Ich ließ meine Unterarme auf meinen Oberschenkeln ruhen und blickte zur Feuerstelle. Ich würde wirklich gerne ein richtiges Feuer zünden.

Was ist mit der Klinik in der du warst, Chi?“ fragte Finley schließlich und riss mich und Killian aus unseren Gedanken. Fragend blickte ich zu ihm und er erklärte: „behandeln sie dort auch Menschen mit Suchterkrankungen?“

Ich summte nachdenklich und dachte zurück an das Therapieangebot der Klinik, bevor ich nickte, „ja, tun sie“.

Dann sollten wir es Svea zumindest einmal vorschlagen. Sie wäre dann auch krankgeschrieben, also müsste sie sich keine Sorgen mehr machen wegen der Arbeit“, fügte Killian hinzu.

Das wäre nicht schlecht“, sagte ich, „es sieht nämlich sowieso so aus, als läuft sie Gefahr ihren Job zu verlieren“.

Gut, dann schlagen wir es ihr vor“, sagte Killian daraufhin, „soll ich oder willst du?“ fragte er dann und schaute zu mir. Ich klappte den Deckel des Zippos zu, nickte und stand auf.

Fragend blickten Killian und Finley zu mir auf, „wie? Willst du es jetzt sofort tun?“

Ja, besser keine Zeit verlieren. Wir dürfen nicht noch mal so verkacken. Soll ich euch mitnehmen oder bleibt ihr noch hier?“ Die beiden schauten sich an und schüttelten den Kopf. Ich trat zu ihnen hinüber und fuhr kurz durch Finleys Haar, bevor ich meine Hand auf Killians Wange ruhen ließ, „sei ein Gentleman und bring Finley nachher nach Hause“.

Eine halbe Stunde später fand ich mich wieder in Anastasias und Sveas WG wieder. Wieder war Anastasia nicht da und Svea ließ mich herein. Zumindest war sie dieses mal noch nicht betrunken, doch sie ließ sich wieder auf die Couch fallen ohne ein Wort an mich zu richten.

Wieder setzte ich mich zu ihr auf das Sofa und begann ihr durch ihre Haare zu fahren, „hey, Kleine. Hast du dich gut von gestern erholt?“ wollte ich von ihr wissen.

Langsam nickte sie, „danke und sorry, wegen dem Kotzen und so“.

Kein Problem, Kleine, niemals ein Problem um ehrlich zu sein“, antwortete ich ihr ruhig und wollte gerade die Klinik ansprechen, als es plötzlich laut an der Tür klopfte. Sofort spürte ich wie Svea erstarrte und als gleich darauf eine Stimme laut rief: „Svea, ich schwöre bei Gott, wenn du nicht raus kommst, bringe ich dich um!“ zuckte sie ängstlich zusammen. Leider erkannte ich die Stimme sofort. Das war ihr Vater. Als Svea sich nach einem Augenblick aufsetzte und aufstand, hielt ich sie zurück.

Bleib hier, OK?“ bat ich sie und stand an ihrer Stelle auf. Kurz trat ich in die Küche und griff nach einem langen Messer, dass ich so hielt, dass die Klinge von meinem Körper weg zeigte. Ich stellte mich vor die Tür und atmete kurz durch. Ich hörte wie Svea vom Sofa aus mit leiser, ängstlicher Stimme meinen Namen flüsterte, dann riss ich die Tür auf. Sveas Vater war ein gewaltiger Mann und eigentlich hätte ich gegen ihn und sein Körpergewicht keine Chance gehabt, doch ich hatte den Überraschungsmoment auf meiner Seite und schaffte es so mich gegen ihn zu schmeißen und an die Wand gegenüber der Tür zu pinnen. Sofort hatte ich die Klinge an seiner Kehle.

Du kommst nicht mehr hier her, hast du verstanden, du Wichser?“ fauchte ich und drückte das Messer stärker an seine Kehle, auch wenn noch kein Blut floss. Der Mann sah mich mit wilden, hasserfüllten Augen an.

Ach ja, und wer glaubst du, bist du? Dass du mir das verbieten willst, Schlampe?“ sagte er und sah mir in die Augen.

Ich bin die Schlampe, die dir persönlich die Eier abschneiden wird, wenn du Svea noch einmal zu nah kommst“, entgegnete ich und zog mein Knie mit voller Kraft nach oben und schlug damit zwischen seine Beine. Ich zog das Messer zurück, ließ ihn nach vorne fallen und trat so schnell wie möglich in die Wohnung zurück. Kaum hatte ich die Tür hinter mir verschlossen, begann er wieder zu klopfen und zu brüllen: „ich bringe euch beide um! Ihr scheiß Schlampen!“

Ich legte das Messer wieder in der Küche ab und schaute zu Svea, die immer noch verängstigt die Tür beäugte. Ich zog mein Handy aus der Tasche und rief den Notruf. Sveas Vater war nicht bereit aufzugeben und so bekam er nicht mit, wie zehn Minuten später die Polizei vorfuhr. Als sie ihn Gewahrsam hatten, kamen sie noch einmal nach oben um unsere Aussagen aufzunehmen.

Der Mann sagte, Sie haben ihn angegriffen?“

Ich schluchzte, als stände ich unter Schock, „Ja… Es ist wahr…ich hatte so Angst, er hat gesagt, dass er Svea umbringt!“ Ich bedeckte meinen Mund mit meinen Händen und genau in dem Augenblick trat Svea zu mir und legte einen ihrer Arme um mich, „Chi, es ist OK. Es ist OK, er ist jetzt weg“, sagte sie und schaute zum Polizist, „brauchen Sie noch etwas?“ Er schüttelte den Kopf und bald darauf waren wir wieder zu zweit in der Wohnung. Schon waren unsere Rollen wieder vertauscht und ich hatte meinen Arm um sie gelegt und führte sie zurück zum Sofa.

Fuck“, sagte sie und atmete tief durch, „scheiße, Chiara, ich vergesse immer wie gut du schauspielern kannst und wie verdammt gefährlich du bist. Du und Arne, ihr zwei kleinen Floristen, lasst uns so schnell vergessen, wie verdammt gefährlich ihr eigentlich sein könnt“.

Ich nahm sie in den Arm und zog sie an meine Seite, „mmm, immer gefährlich“, summte ich, „um die zu beschützen die ich liebe. Wie eine Biene. Ich kann auch zustechen“, flüsterte ich und küsste ihre Stirn. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie hatte wahnsinnige Angst, dass sie ihren Vater einfach laufen ließen und dass er dann hier herkommen würde um sie doch noch umzubringen.

Er ist jetzt einfach noch viel wütender. Fuck, er killt mich“, sagte sie. Ich hielt sie in den Armen und sagte ihr wieder und wieder, dass sie hier sicher sei und dass ich mich darum kümmern würde, dass sie endlich eine Einstweilige Verfügung durch bekam. Irgendwann setzten wir uns dann in die Küche und ein paar Minuten später kam auch Anastasia nach Hause. Svea war sofort zusammen gezuckt, als die Wohnungstür sich öffnete, doch dann warf sie sich in Anastasias Arme und erzählte ihr weinend, was erzählt war.

… und Chi, man, Chi hat dann einfach die Tür geöffnet und sich gegen ihn gestürzt, ich dachte sie ersticht ihn, stattdessen tritt sie ihm in die Eier, dass er ganz weiß wurde!“

Später saßen wir dann, Dosen-Ravioli essend, zusammen im Wohnzimmer und schauten Fernsehen. Nachrichten. Wie immer furchtbar deprimierend. An einer Schule in den USA gab es wieder ein Massaker. In Afghanistan wieder einen Selbstmordanschlag und Kim Jong Un schien neben Donald Trump eher den Friedensnobelpreis zu verdienen. Wir entschlossen uns schnell dazu, einen anderen Sender einzuschalten und uns wieder um unsere eigenen, kleinen Katastrophen zu kümmern.

Ah, Svea, warum ich eigentlich hergekommen bin“, sagte ich schließlich und kramte den Flyer von meiner Klinik aus einer Jackentasche. Wortlos schob ich ihr den Flyer über den Tisch und ließ ihn ein paar Momente auf ihn wirken, bevor ich sagte: „wir machen uns alle wirklich Sorgen um dich und vielleicht willst du auch mal drüber nachdenken, eine Auszeit zu nehmen?“

Anastasia schaute mit großen Augen zu mir, während Svea nur den Flyer musterte. Ein paar Minuten vergingen in Stille, bevor Svea schließlich tief ausatmete und mir in die Augen sah.

Gut…“, sagte sie, „ich sehe es ja ein, ich brauche Hilfe“.

Anastasia lehnte sich zu ihr und griff nach ihren Händen, „und was auch immer passiert, wir sind alle für dich da“, sagte sie und ich nickte, „ja, Kleine, wir halten zusammen. Und ich will nie wieder einen von euch verlieren“, fügte ich ernst hinzu, „ihr seid doch meine Kinder“.

OK. OK. Ich mache es“.

Ein paar Tage später, trafen wir uns alle auf dem Felsvorsprung bei den Plattenbauten. Dieses Mal war es bereits dunkel und deswegen lohnte es sich auch, ein Feuer anzuzünden. Gleich zu Beginn räusperte sich Svea und alle blickten erwartungsvoll zu ihr.

Ich habe mich entschlossen, mich einweisen zu lassen. In dieselbe Klinik, in der auch Chi war. Ich brauche Hilfe mit meiner Sucht“, verkündete sie und ich trat sofort zu ihre und legte einen Arm um sie.

Ich bin so stolz auf dich, meine Kleine“, sagte ich ihr und drückte sie fest an mich. Für einen Moment vergrub sie ihren Kopf in meiner Schulter, dann flüsterte sie nur: „danke“, und ließ sich von den anderen umarmen. Ich ließ mich neben Killian auf eines der Sofas fallen und er grinste mir entgegen.

Auf dich ist immer Verlass“, sagte er und ich schlug ihm sanft in seine Seite. Sofort zuckte er zusammen und griff mit seiner Hand nach seinen Rippen, doch ich war schneller und riss seinen Arm beiseite um sein Oberteil nach oben zu schieben. Sein ganzer Oberkörper war grün und blau geschlagen. Killian riss sich los und strich sein Oberteil wieder zurecht, bevor er sich umsah. Scheinbar hatte nur Finley etwas mitbekommen.

Chi, bitte“, flehte mich Killian an und ich ballte eine Faust, bevor ich meinen Blick abwandte.

Seit wann?“ fragte ich angespannt, „seit wann macht er es an Stellen, an denen man es nicht sofort sehen kann?“

Killian zuckte zusammen und blickte zum Boden, bevor er murmelte, „schon immer, aber erst recht seit dem du ihn geschlagen hast“.

Ich seufzte und lehnte mich vorsichtig an ihn und griff nach seiner Hand, „es tut mir leid, es tut mir leid, Liebling. Ich habe das Ganze noch viel schlimmer für dich gemacht“.

Killian schüttelte sofort seinen Kopf, „nein, nein. Du hast gar keine Schuld! Es ist alles meine Schuld, weil ich einfach nicht dazu lernen kann. Du kannst nichts dafür. Ich bin einfach nur zu dumm, wenn ich einfach machen würde, was er sagt…“.

Finley unterbrach ihn und setzte sich neben ihn auf die Sofalehne: „Bullshit. Killian, das ist absoluter Bullshit“, sagte er mit harter Stimme.

Der Typ missbraucht dich und du bist absolut geblendet. Du musst dort weg!“ Finleys Stimme wurde immer lauter und ich legte eine Hand auf seine und blickte vielsagend zu ihm, „es muss nicht jeder hier hören“, sagte ich.

Warum nicht? Warum sollen es die Anderen nicht hören? Damit sie Kill nicht auch noch sagen, wie verdammt dumm und verblendet er ist? Ich jedenfalls kann mir das einfach nicht mehr mit ansehen. Killian, ich mag dich zu sehr um mir weiter mit anzusehen, wie du das mit dir machen lässt“. Finley war furchtbar rot geworden im Gesicht und sprang sofort auf. Zu erst sah es so aus, als würde er davon stürmen, doch dann setzte er sich an den Rand des Felsvorsprungs, wo Aaron saß. Ich blickte ihnen einen Augenblick nach und sah noch, wie Aaron einen Arm um Finleys Schultern legte und ihm seine Flasche Bier anbot, dann wandte ich mich wieder Killian zu.

Das klang vielleicht hart, aber Killian, er hat recht. Du kannst so nicht weiter machen…“, sagte ich und drückte ihn fester an mich.

Chi, ihr versteht das alle nicht… aber ich liebe ihn. Ich liebe ihn wirklich und ich weiß, dass das nicht in Ordnung ist, aber ich denke nicht, dass ich ihn einfach so aufgeben sollte. Das hat er nicht verdient…“, flüsterte Killian geschlagen und ich antwortete ihm nicht. Stattdessen stand ich auf, um nicht noch etwas Dummes zu sagen, und machte mich daran Svea angemessen zu verabschieden. Meine Stimmung wurde schnell wieder besser und auch Finley und Killian gesellten sich endlich wieder zu uns. Heute ging es um Svea. Morgen war Zeit für sie.

Am nächsten Morgen fuhr ich Svea persönlich in die Klinik. Die Autofahrt war sehr ruhig und wir sprachen kaum miteinander, doch das war nicht weiter schlimm. Das Radio lief und das Wetter war gut, wir beide waren einfach nur gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt.

Ich half ihr, ihr Gepäck nach oben zu tragen und lächelte der Pflegekraft zu, die mich wieder erkannte.

Keine Sorge, so schnell bin ich nicht wieder da“, versicherte ich ihr und schaute noch einmal nach Svea.

Alles klar bei dir, Kleine? Hast du alles?“ fragte ich sie und sie nickte nervös. Sofort nahm ich sie in den Arm und strich ihr durchs Haar, „du packst das und du kannst mich jederzeit anrufen, du weißt, wir sind alle immer für dich da“.

Svea nickte und löste sich von mir. Die Verabschiedung ging schnell von statten und ich machte mich wieder auf den Weg nach draußen. Jedoch nicht ohne noch ein paar Andere zu grüßen, die ich von meiner Zeit hier kannte. Ich glaubte an Svea, ich glaubte wirklich an sie und ich glaubte an diese Klinik. Immerhin hatten sie mich hier auch wieder auf die Beine gestellt und Svea war, im Gegensatz zu mir, freiwillig hergekommen.

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