KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

STRAYS: Kapitel 01

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Elly

Kaum begann das Telefon zu klingeln, wusste ich dass etwas nicht stimmte. Es war kurz nach zwei. Mitten in der Nacht. Blind griff ich nach meinem Handy, dass irgendwo auf dem Couchtisch lag. Ich warf einen kurzen Blick auf den Namen des Anrufers, dann nahm ich ab.

Chiara“, wurde ich nur begrüßt.

Killian“.

Du bist wieder raus, ja?“ fragte er und ich antwortete mit einem zustimmenden Geräusch, „du musst sofort ins Krankenhaus kommen“, folgte daraufhin von ihm.

Ich setzte mich sofort auf und griff nach meinem Autoschlüssel. „Es ist Elly. Überdosis. Ich bin als ihr Notfallkontakt gelistet. Ruf die Anderen an“, mit diesen Worten legte Killian auf und ich wählte schon die nächste Nummer während ich rasch die Haustreppen hinab stieg.

Während der ganzen Fahrt zum Krankenhaus zitterten meine Hände am Lenkrad und das Atmen fiel mir schwer. Elly. Überdosis. Scheiße. Ich parkte meinen Wagen irgendwo, wo man sicher nicht parken sollte und rannte zur Rettungsstelle. Killian, Bastian und Svea waren schon da. Killian stand sofort auf um mich zu umarmen.

Es ist gut dich wieder hier zu haben“, sagte er mit leiser Stimme und ruhte seinen Kopf für einen Augenblick auf meiner Schulter. Ich blickte über seine Schulter zu Bastian, der mir wie immer einen gehässigen Blick zuwarf. Wir lösten uns von einander und ich nickte Bastian zu, „was geht ab, Arschloch?“

Er schnaufte nur und antwortete nicht, sondern legte bestimmend seinen Arm um Killian, als er sich wieder neben ihn setzte. Ich wandte mich Svea zu. Sie saß nach vorn gebeugt und hatte ihr Gesicht in ihren Händen vergraben. Als ich mich vor sie hockte, roch ich nur Bier und Zigaretten. Ich nahm ihre Hände in meine.

Hey, Kleines, hey“, sagte ich sanft, „ich bin jetzt hier“. Mehr brauchte es nicht und sie fing sofort an zu weinen. Ich setzte mich neben sie und hielt sie fest im Arm während sie weinte.

Also“, sagte ich zu Killian, während ich mit ruhigen Bewegungen über Sveas Rücken streichelte, „ich warte. Erklärung. Jetzt“.

Ja. Fuck, Chiara… Wir wussten alle dass es wieder schlimmer mit ihr geworden ist, aber sie… Sie ist uns immer weiter durch die Finger geglitten und jetzt…“, antwortete Killian und vergrub sein Gesicht in Bastians Schulter.

Drei Monate. Drei verkackte Monate war ich nicht da und an meinem ersten Tag zurück passiert sowas“, entgegnete ich nur genervt und wandte mich ab. Ich sollte meine Wut nicht an Killian auslassen. Ich sollte nichts sagen, dass ich später nur bereute. Stattdessen konzentrierte ich mich erst einmal vollkommen auf Svea. Es dauerte noch eine Weile bis sie sich beruhigt hatte.

Kurz vor drei stürmten schließlich Finley, Aaron und Anastasia in die Rettungsstelle. Wieder wurden Umarmungen und Tränen ausgetauscht, dann machten wir es uns bequem. Gegen halb vier kam eine Schwester zu uns und sagte uns, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sie uns sagen konnte, wie es um Elly stand. Fast alle schliefen zu dem Zeitpunkt schon. Ich kramte eine Schachtel Zigaretten aus meinem Beutel, dann nickte ich Killian zu und ging nach draußen. Ich steckte mir die Zigarette zwischen die Lippen und noch bevor ich nach meinem Feuerzeug greifen konnte, stand schon jemand neben mir. Ein junger Sanitäter. Mitte zwanzig. Vielleicht dreißig. Er zog eine Augenbraue hoch und ich lehnte mich ein wenig nach vorne, damit er mir die Kippe mit seinem Feuerzeug anzünden konnte. Während ich den ersten langen Zug inhalierte, zündete er sich ebenfalls eine und stellte sich neben mich.

Lange Nacht, nicht?“ sagte er schließlich.

Ich summte als Antwort und schwieg für einen Augenblick, bevor ich sagte: „all meine Nächte sind lang“, dann musterte ich ihn von oben bis unten, „deine sicherlich auch?“

Er lachte leise, „ja, das ist wohl war“. Er hatte ein schönes Lachen und eine schöne Stimme. Alles an ihm war sehr ruhig, vielleicht lag es einfach an der Späte der Stunde. Beziehungsweise… an der Frühe.

Ist es seltsam wenn ich dich nach deiner Telefonnummer frage?“ fragte er nach ein paar Zügen des Schweigens.

Ich lachte ebenfalls leise, „ist das nicht gegen die Regeln? Ein Rettungssanitäter und ein Angehöriger?“

Ich glaube, mit dir würde ich gerne noch ein paar Regeln brechen“, entgegnete er und deutete hinter uns an die Wand. Verdammt. Wir standen beide unter einem großen und nicht übersehbaren ‚Rauchen Verboten‘-Schild.

Wie heißt du?“ fragte ich um seiner Frage auszuweichen.

Ronny“.

Shit, dann kann ich dir meine Nummer nicht geben. Scheiße, wo wurdest du geboren? Karl-Marx-Stadt 1985?“ entgegnete ich lachend.

Karl-Marx-Stadt ist richtig, aber das Jahr nicht“, antwortete er mir, „Ronny war übrigens gelogen, ich wollte dich einfach noch mal lachen sehen. Ich heiß Kimi“.

Ich drehte mich zu ihm und blickte auf sein Namensschild. Tatsache. Da stand Kimi Fischer.

OK, Kimi, ich gebe dir meine Nummer, aber nur wenn ich dich im Bett Kimi Räikkönen nennen darf“.

Deal“.

Er reichte mir sein Handy und speicherte meine Nummer ein und schrieb ‚Chiara, allzeit bereit Regeln zu brechen‘ dazu. Sofort schrieb er mir eine Nachricht und ich spürte mein Handy in meiner Hosentasche vibrieren. Wir ließen beide unsere Zigarettenstummel auf den Boden fallen und traten sie aus.

Also dann, ich habe noch ein paar Stunden Schicht vor mir“, sagte Kimi und grinste mir entgegen, „schreib mir einfach, wenn du willst“.

Und ich muss wieder da rein und… ja“, sagte ich nur und deutete zur Rettungsstelle. Kimis Blick war irgendwie traurig und verständnisvoll. Ich mochte das er nichts dazu sagte. Wir winkten uns kurz zu und gingen wieder getrennte Wege. Zwei Menschen die nichts miteinander zu tun hatten und deren Wege sich nur für einen kurzen Augenblick kreuzten.

Als ich an die Theke trat, kam gerade eine der Krankenschwestern zurück. Sie sah mich, erschrak und trat einen Schritt zurück. Dann blickte sie unruhig zu den anderen, die mittlerweile alle samt schliefen.

Frau Krämer, würden Sie bitte kurz mitkommen“, bat sie mich und ich nickte. Sie führte mich in ein leeres Bürozimmer und ich ballte meine Fäuste. Nein… bitte…sie durfte es mir nicht sagen.

Sie wartete bis ich mich gesetzt hatte, dann atmete sie tief aus und ich wusste es auch ohne dass sie es sagte.

Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Frau Lorenz es nicht geschafft hat. Sie hat bis zum Ende tapfer gekämpft, aber Sie hatte bereits zu viel in Ihren Blutkreislauf aufgenommen“.

Ich faltete meine Hände auf dem Tisch vor mir und lehnte mich nach vorne, bis meine Stirn auf ihnen ruhte. Leere. Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als hätte ich im Dunkeln nach einer weiteren Treppenstufe getreten und war stattdessen in ein tiefes Loch gefallen.

Soll ich die Anderen ebenfalls informieren?“ fragte mich die Schwester leise und ich stand langsam auf und schüttelte den Kopf.

Danke“, sagte ich ihr, „und richten Sie auch den Ärzten unseren Dank aus, dass sie bis zum Ende um das Leben von ihr gekämpft haben“, fuhr ich fort und meinte es todernst – dieser Job war immer einer der Härtesten, „muss ich irgendetwas unterschreiben? Wie geht es jetzt weiter?“

Wollen Sie sich denn um die Beisetzung kümmern? Ansonsten wäre das eine Aufgabe des Ordnungsamtes, da wir keine Angehörigen von Frau Lorenz ausfindig machen konnten“.

Ich nickte nur.

Gut, dann werde ich Ihnen den Totenschein ausstellen. Das kostet 60€. Sie müssen die Leiche dann spätestens nach 36 Stunden in eine Leichenhalle überführen, können Sie aber auch vorerst Zuhause Abschied von ihr nehmen“.

Frau Lorenz. Elly. Leiche. Leiche. Leiche.

In Ordnung. Vielen Dank“, sagte ich noch, dann verließ ich das Zimmer. Ich nahm mir einen Augenblick um durchzuatmen, dann trat ich wieder in die Rettungsstelle. Die anderen schliefen alle noch. Vorsichtig weckte ich Killian und trat mit ihm von den anderen weg.

Er sah mir tief in die Augen und sein Blick verriet mir, dass ich es wohl auch nicht aussprechen musste, trotzdem tat ich es.

Elly ist tot“.

Ich klammerte mich an Killian wie er sich auch an mich klammerte. Wir hatten einander. Was auch immer passierte, wir hatten immer einander. Killian und ich. Zusammen gegen den Rest der Welt.

Wir müssen es den Kindern sagen“, sagte ich schließlich und überraschte mich selbst mit einem Schluchzen. Wir lösten uns voneinander und Killian klopfte mir noch auf die Schulter, dann weckten wir die anderen und sagten es ihnen.

Elly ist tot“.

Als ich endlich wieder in meiner Wohnung war, stand die Sonne schon weit oben am Himmel. Ich hatte Finley bei seiner Arbeit abgesetzt und Anastasia und Svea vor ihrer WG. Killian und Bastian hatten Aaron nach Hause gefahren. Ich war müde. Verdammt müde und es machte absolut keinen Sinn warum ich Finley bei seiner Arbeit absetzen sollte. Es war Sonntag. Der Laden hatte Sonntag geschlossen.

Ich setzte mich auf den Boden neben dem Couchtisch. Ich hatte noch nicht einmal ausgepackt. Genervt griff ich nach meinem Rucksack und kramte die zwei kleinen Papiertütchen hervor, in der die Tabletten für die ersten Tage verstaut waren. Ich zählte sie auf meiner Hand ab, eins-zwei-drei, und schluckte sie ohne einen Schluck Wasser, dann lies ich mich zur Seite fallen, kugelte mich auf dem Boden zusammen und schlief ein.

Irgendwann am Abend wachte ich auf und mein Rücken tat furchtbar weh, nachdem ich den ganzen Tag über auf dem Boden geschlafen hatte. Im Bad warf ich mir die nächsten Tabletten ein und stand eine halbe Stunde unter der Dusche, bis ich mich bereit fühlte irgendetwas zu tun. Während meine fünf-Minuten-Nudeln einzogen, checkte ich meine Nachrichten und entschloss mich zuerst Arne zurück zu rufen.

Hey, Arne“, sagte ich, meine Stimme noch immer kratzig und rau nach meinem Nickerchen.

Hey, Chiara“, kam sofort vom anderen Ende, „ich wollte mich erkundigen ob du gut angekommen bist? Und wie du dich fühlst? Wirst du wieder auf Arbeit kommen oder bist du noch krank geschrieben?“

Ich seufzte, „ja, ich denke, ja. Ich werde auf Arbeit kommen, aber noch nicht Morgen. Ich muss Morgen zum Arzt und aufs Amt. Übermorgen. Ja, Übermorgen bin ich wieder da. Mir geht’s… Weiß auch nicht, ich werde deine Hilfe für Etwas brauchen, ich sag’s dir am Dienstag“.

Gut, dann sehen wir uns Dienstag. Wenn nicht, ist auch in Ordnung. Pass auf dich auf“, antwortete Arne.

Hmm, werde ich machen, Arne. Wir sehen uns dann Dienstag“, sagte ich noch und rieb mir über die Stirn bevor ich auflegte. Als nächstes war Killian dran. Wir einigten uns schnell darauf uns Morgen Mittag zu treffen. Nach und nach beantwortete ich die Nachrichten der Anderen und als ich mich endlich hinsetzte um meine Nudeln zu essen, waren sie schon kalt. Nicht dass es mich störte.

Frau Krämer, gut Sie wieder hier zu sehen“, sagte Doktor Schmidt während er mich auf die Dachterrasse führte. Ich nickte nur und reichte ihm den Arztbrief, den sie mir in der Klinik mitgegeben hatten. Auf der Terrasse angekommen, lehnte ich mich an das Geländer und zündete mir eine Zigarette. Doktor Schmidt tat es mir gleich und las für ein paar Augenblicke still den Arztbrief.

In Ordnung, Sie haben also das Burpropion abgesetzt, ja? Wie fühlen Sie sich mit der jetzigen Mischung?“

Ich atmete aus und blickte zum Himmel, „sieht aus wie viele bunte Smarties in der Box wo ich die Tabletten aufbewahre“, antwortete ich ihm, „es ist OK, schätze ich mal, ich fühle mich nicht unbedingt besser, aber zumindest fühle ich etwas. Ich kann am Morgen aufstehen und Dinge erledigen“.

Ja, die Mischung ist gut, wird bei vielen so gemacht. Ich würde sagen, wir behalten die jetzt erst mal bei und warten noch ein Stück, bevor wir eventuell hochgehen. Sie wissen ja, die Medikamente brauchen ihre Zeit bis sie ihre volle Wirkungskraft erreichen. Am Samstagvormittag wurden Sie entlassen, ja? Hat sich irgendetwas getan seit dem? Wollen Sie wieder auf Arbeit gehen, oder soll ich Ihnen fürs Erste eine Krankmeldung ausstellen?“

Ich gehe Morgen auf Arbeit, also brauche ich nur für heute einen Wisch. Was hat sich getan? Eine ganze Menge Scheiße hat sich getan. Elly ist gestorben, gestern Nacht. Überdosis“. Nachdem ich es ausgesprochen hatte, verzog ich das Gesicht. Ich wollte es nie wieder aussprechen müssen. Elly. Elly. Elly. Ich musste an den Totenschein denken, den ich in meiner Tasche hatte und sofort traten mir Tränen in die Augen. Genervt wischte ich sie aus meinem Gesicht und warf meine Zigarette vom Dach.

Oh… Das tut mir wirklich Leid zu hören“, sagte Doktor Schmidt irgendwann und ich mochte ihn, denn für einen Psychiater hatte er wirklich verdammt wenig Sozialkompetenz. Er wirkte immer, als ob Sprechen Etwas Unangenehmes für ihn war.

Ja, mir auch“, entgegnete ich, „ich hatte wirklich gehofft, dass sie es schafft, dass sie clean wird, aber scheinbar ging es in letzter Zeit mit ihr bergab und ich wusste nicht einmal davon. Konnte nichts tun… Ich hätte für sie da sein müssen. Letzte Woche noch, hat sie mir einen süßen Selfie von sich geschickt, als sie einer Straßenkatze begegnet war und ich dachte noch: ’sie sieht müde aus. Sie sieht dünn aus‘. Und ich habe nichts gesagt, nicht mal bei Killian nachgefragt, ob alles in Ordnung war“.

Ich versuchte nicht mehr die Tränen weg zu wischen, sondern lies sie einfach still über mein Gesicht laufen. Wir verließen die Dachterrasse und setzten uns still in Doktor Schmidts Büro, wo er mir gleich eine Packung Kosmetiktücher reichte.

Sie mussten auf sich selbst achten, so war es ausgemacht. Geben Sie sich nicht die Schuld für Ellys Tod und lassen Sie vor allen Dingen Tränen und Trauer zu“.

Ich putzte mir laut die Nase und nickte.

Gut, dann stelle ich Ihnen mal die Rezepte aus…“.

Killian saß zusammen gekauert auf den Stufen vor dem Standesamt. Er hatte die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen und ich biss angespannt meine Zähne zusammen bei dem Anblick. Als ich schließlich vor ihm stand, blickte er auf und ich zog mit einem schnellen Griff die Kapuze aus seinem Gesicht.

Killian, scheiße“, sagte ich nur sanft und hielt seine linke Wange in meiner Hand während ich die Rechte betrachtete. Sie war geschwollen und blau und auch sein rechtes Auge war geschlossen, wahrscheinlich konnte er es durch die Schwellung nicht öffnen.

Ich bin hingefallen“, verteidigte er sofort und ich schnaufte.

Natürlich bist du hingefallen. Mit deinem Gesicht in Bastians Faust. Was war es dieses Mal? War er angepisst, weil Ellys Tod ihm die ganze Aufmerksamkeit gestohlen hat?“ Sein Schweigen war schon Antwort genug und ich atmete aus und sagte in einem sanfterem Ton: „komm, wir gehen rein und erledigen das und dann fahren wir zum Bestatter“.

Das Standesamt unserer Stadt war sehr klein und wir kamen auch ohne Termin schnell dran und ließen uns einen Haufen Sterbeurkunden ausstellen, 10€ das Stück, danach fuhren wir zum Bestatter direkt am Hauptfriedhof

Gut, also ungefähr 2000€ für die Bestattung und dann noch einmal 800€ Friedhofsgebühren?“ hakte ich nach.

Der Bestatter nickte, „das ist die günstigste Variante. Werden Sie in der Lage sein die Kosten zu tragen? Noch können Sie die Aufgabe an das Ordnungsamt übergeben“. Ich lehnte mich zurück und blickte zu Killian. Fast 3000€. Das war eine Menge Geld. Killian und ich sahen uns für einen Augenblick an, dann nickte er mir zu und ich nickte wiederum dem Bestatter zu.

Ratenzahlung ist in Ordnung, ja?“

Als das entschieden war, mussten wir nur noch die Formalien klären. Dann fuhren wir zu Ellys Wohnung. Ich hatte vom Krankenhaus alle ihre Habseligkeiten bekommen und sperrte die Tür auf.

Du schaust nach Drogen, ich schaue nach der Einrichtung“, sagte ich zu Killian und machte mich an die Arbeit. Der Vermieter hatte uns zwei Wochen zum leeren der Wohnung eingeräumt, deswegen durften wir keine Zeit verlieren. Unruhig schaute ich mich um. Es fühlte sich falsch an hier zu sein ohne Elly und es kam mir vor, als ob ein Teil von ihr in der Wohnung weiter lebte und wir machten uns nun daran, diesen Teil zu zerstören. Das war falsch. Alles war falsch. Ich atmete tief durch und schaute nach dem Fernseher. Er war intakt. Außerdem eine Soundanlage, DVD-Player, eine Xbox, eine Waschmaschine, die Küche – alles Sachen die wir sicherlich verkaufen konnten. Was die Möbel betraf, würden wir diese wahrscheinlich zwischen uns und den Anderen aufteilen und den Rest ebenfalls verkaufen, wenn wir konnten.

Killian fand Heroin und sogar zwei Tütchen Koks. Ich zog die Augenbrauen zusammen und musterte die Drogen unglücklich.

Es war eine Heroin-Überdosis, oder?“ fragte ich nach und Killian nickte. Ich hatte nie verstanden wie Elly an das Geld kam, aber Killian hatte immer vermutet dass sie wohl selber dealte.

60€ das Gramm? Wird ja wohl minderwertiger Straßenstoff sein?“ fragte ich ohne eine Antwort zu erwarten, „damit könnten wir doch zumindest schon mal ein Stück der Bestattung bezahlen“.

An wen willst du es verkaufen? Dieser Typ? Aus deinem Deutsch-Kurs damals?“ fragte Killian stirnrunzelnd.

Ja, wahrscheinlich. Der kommt immer noch oft zu uns in den Laden. Wir verstehen uns gut. Seine Familie ist schon seit Jahrzehnten im Geschäft und ich glaube, Elly hatte nichts mit denen zu tun“.

Als ich Killian Zuhause absetzte, bestand ich darauf noch mit nach oben zu kommen auf ein Bier. Was natürlich nur ein Vorwand war. Killian öffnete die Tür, ich folgte ihm nach drinnen und schon im Flur kam Bastian auf uns zu. Die Art und Weise wie Killian sich sofort kleiner machte, machte mir die Entscheidung sehr leicht. Ich trat vor ihn auf Bastian zu und grinste nur, bevor ich ihm mit aller Kraft die Faust gegen den Kiefer schlug. Bastian taumelte und spuckte Blut und ich stellte zufrieden fest, dass seine Lippe aufgerissen war.

Du hast wohl noch nicht genug vom Krankenhaus gesehen, Wichser?“ fragte ich ihn gehässig und spuckte auf ihn, bevor ich ihn von mir stieß als er wütend auf mich los kam, „ich trink vielleicht doch kein Bier und hey, Arschloch, wenn du Killian auch nur noch ein Haar krümmst, dann lass. Ich. Dich. Häuten“.

Mit den Worten schlug ich hinter mir die Wohnungstür zu und ging rasch nach unten zum meinem Wagen. Vor der Tür trat ich aufgebracht gegen die bröcklige Wand des Altbaus, bevor ich meine Hand schüttelte. So gut wie der Schlag getan hatte, er tat doch verdammt weh und ich hatte schnell eine Zigarette zwischen den Lippen und mein Handy in der Hand.

Ich weiß ihr habt eure Streitigkeiten, aber du kannst Basti nicht einfach schlagen. Ich liebe ihn“, las ich als erste Antwort und wäre am liebsten wieder nach oben gestürmt, stattdessen trat ich die Wand noch einmal, bevor ich mich in den Wagen setzte und losfuhr. Es war dumm. Dumm, dumm, dumm, dass ich ihn geschlagen hatte. Am Ende half das Killian nichts, im Gegenteil, wahrscheinlich verschlimmerte es die Situation noch. Aber wenn ich sah, dass jemand meine Liebsten verletzte, dann sah ich rot.

Als ich am nächsten Morgen vor Konsum Floristik stand, konnte ich zum ersten Mal entspannt durchatmen und lächelte vor Vorfreude. Ich schloss die Tür auf und trat nach hinten in den Laden durch, wo Arne gerade das Kühlhaus prüfte. Als er mich hörte, schaute er auf, schloss die Tür und nahm mich sofort wieder in den Arm.

Hey, meine kleine Arbeitsbiene. Ich hab dich vermisst“, flüsterte er mir zu und strich mir durchs Haar. Ich summte als Antwort und vergrub mein Gesicht in seiner Schulter. Endlich war ich wieder umgeben vom Blumenduft und dem Duft der Erde und Arne, Arne, Arne.

Ich habe dich auch vermisst, Arne“, antwortete ich ihm schließlich mit brüchiger Stimme. Ein paar Minuten später saßen wir dann gemeinsam auf dem Bürgersteig und rauchten. Unser Morgenritual. Verdammt, ich hatte ihn… Ich hatte das alles hier so vermisst. Zwischen den Zügen erzählte ich ihm von Elly und er erklärte nickend, dass er sich um die Blumen kümmern würde.

Der erste Tag auf Arbeit tat mir gut. Ich konnte mich gut ablenken und nur an Blumen und Gestecke und Lieferungen denken. Zum Feierabend lud mich Arne mit nach oben in seine Wohnung ein und wir aßen gemeinsam Abendessen. Ich erzählte ihm von Kimi, dem Rettungssanitäter, und er erzählte mir von Susanne, der Eisverkäuferin. Wir fielen einfach wieder in unser altes Verhaltensmuster und ich liebte es. Es war so einfach, es war so gewohnt. Keine Überraschungen, keine Überforderungen – ich liebte meinen Job.

Ende der Woche fuhr ich eine Lieferung zu Roman, dem Typen aus meinem Deutsch-Kurs, und er machte mir einen Kaffee mit seiner 1000€-Kaffeemaschine und kaufte mir die Drogen ab, ohne mit der Wimper zu zucken.

Immer doch für eine alte Freundin“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter, „du hast mich immer abschreiben lassen. Ohne dich hätte ich die Deutsch-Prüfung nicht bestanden“.

Er drückte mir 800€ und zwei kubanische Zigarren in die Hand und ich rauchte die Zigarren abends mit Arne im Hinterhof des Ladens und gab das Geld am nächsten Tag dem Bestatter.

Am Samstag nach Ellys Tod war die Beisetzung. Arne war mit mir hingefahren. Killian war natürlich auch da und das glücklicherweise ohne Bastian. Svea, Aaron, Anastasia und Finley waren auch alle samt da. Der Friedhofsverwalter hielt für uns einen kleinen Empfang in der Trauerhalle ab und jeder von uns ergriff das Wort. Ich vergriff mir jede Träne und gab mein Bestes für die anderen stark zu sein. Es gelang mir nur spärlich und als wir nach draußen traten und die Urne zum Grab getragen wurden, musste ich mich kurz von den anderen entfernen um durchzuatmen. Da war sie. Da war der Grabstein. Die Urne mit ihrer Asche. Elly war gerade einmal 23 Jahre gewesen und wir hatten sie verloren. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich, doch wir hatten sie verloren.

Als die Urne ins Grab gehoben wurde, trat ich wieder zu den anderen und legte je einen Arm um Svea und einen um Anastasia. Ich tauschte einen Blick mit Killian aus, der zwischen Aaron und Finley stand, und glaubte, dass wir zu einer stillen Übereinkunft kamen. Nie wieder, nie wieder würden wir zulassen dass den Kleinen etwas geschah. Es war Zeit, dass wir volle Verantwortung für sie übernahmen.

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