KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

2018年05月07日

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Leinwände und Künstler

Ich mag das Wort Leinwand, aber Canvas gefällt mir trotzdem lieber. Vielleicht liegt es daran, dass das Wort ‘Canvas’ nach etwas Lebendigem klingt, während eine Leinwand zweifelsohne etwas Sachliches ist. Deutsch macht das nun einmal mit Wörtern – gibt Gegenständen Geschlechtern und lässt sie im gleichen Augenblick sterben. Die Leinwand ist weiblich und instinktiv wird der Canvas männlich. Gegenständen Geschlechter zuzuordnen ist ein Tick den Deutsch hoffentlich eines Tages los wird.

Was für 1 Canvas, so lebendig, so unbeschreiblich.

Was für 1 Künstler, so depressiv, so kreativ.

So einfach ist das. Vielleicht lachen einige darüber, aber auch die Sprache ist etwas Lebendiges und grammatikalische Regelungen wandelbar. In zehn Jahren wird hoffentlich niemand mehr drüber lachen.

Es geht mir schlecht heute. Ich schreibe viel an Tagen an denen es mir schlecht geht, denn so viele Gedanken schwirren durch meinen Kopf und ersticken mich. Ich kann nicht mehr atmen. Meine Brust verengt sich. Wenn ich Bekannten sage, dass ich darauf warte, dass ein Bus mich überfährt, ist es nur zur Hälfte als Scherz gemeint. Die andere Hälfte in mir, hätte nichts dagegen wenn mich ein Bus überfährt und das sollte ein verdammt furchteinflössender Gedanke sein, doch das ist er nicht. Nicht für mich.

Als ich mir heute Nachmittag meine schwarze Robe umgeworfen hatte und mich mit meinem Mp3-Player nach draußen wagte, da sah ich meinen Schatten. Und als ich meinen Schatten sah, da erinnerte ich mich wieder daran, dass ich ein Künstler war. Manchmal vergaß ich das. Oft vergaß ich das. Zwischen Tabletten und Studium und Leere, so viel Leere, vergaß ich mich oft selbst. Daniel Armand Lees Stimme war das Einzige was ich hörte und ich hörte seine Stimme tief in meinem Herzen, in einem dunklen, verborgenen Winkel. Selbst wenn ich zur Uhr blicke, habe ich keine Zeit mehr. Lebewohl, jetzt. Ich tapste durch die Gegend, stolperte, tapste weiter, während Tablos Stimme aus meinem Herzen schrie. Selbst wenn ich auf den Kalender schaue, habe ich keine Erinnerungen mehr. Ein halbes Jahr war vergangen und ich erinnerte mich an nicht viel. Wirklich nicht viel. Vielleicht ein paar Stunden von ein paar Tagen. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich fand mich in einem Supermarkt wieder und dachte darüber nach, dass ich ein Künstler war. Für einen Augenblick fühlte ich den rauen Stoff eines Canvas unter meinen Fingerspitzen. Ich roch die Acrylfarbe. Meine Arme waren voll bunter Spritzer. Ich atmete frei, ohne dass mich etwas erstickte. Erst in dem Augenblick merkte ich, wie sehr mich alles erstickte. Besonders das Studium. Es erstickte mich. Es erstickte mich und ich war vielleicht ein Künstler, aber ich war auch im Supermarkt ohne Farbe und ohne Canvas. Ich habe Angst davor, ein Buch zu sein, dass niemand liest. Musik, die niemand mehr hört. Ich habe Angst davor zurück gelassen zu werden, wie ein Film in einem leeren Kinosaal.

Der Weg nach Hause dauerte weniger als fünf Minuten, doch ich schaffte es dennoch mindestens sieben Identitätskrisen zu haben. Was tat ich hier? Ja, was… Was zur Hölle tat ich hier? Ist das wirklich mein Leben? Mein Leben mit dem ich eines Tages vielleicht glücklich werden soll? Eigentlich hatte ich mir nach der Klinik vorgenommen, mich nur noch auf Sachen zu konzentrieren die mich erfüllten. Denn ich brauchte dringend etwas, dass diese Leere füllte und heute habe ich gelernt, dass eine Person diese Leere nicht allein füllen konnte. Selbst wenn ich auf mein Handy blicke, habe ich keine Beziehungen mehr. Selbst wenn ich in den Spiegel blicke, habe ich kein Vertrauen mehr.

Zuhause angekommen war es schwer zu atmen. Ich ging sofort in die Knie und umarmte meinen eigenen Körper. Fuck. Verdammte Scheiße. Mal wieder hier, am Boden. Der Künstler, in Wirklichkeit ein Krieger, am Boden. Wieder am Boden.

Letzte Woche noch meinte ich, wir sind lebende, atmende Kunst. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

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