KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

September 2013

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2. September

Kurz nach 9 Uhr bin ich zusammen mit Itou Masaki in die 60 Kilometer entfernte Stadt Shiojiri gefahren. Als Mitglied des Komitees das uns hier betreut, musste er auch mit zur Orientation. Unsere erste Orientation in Japan fand in einem schönen Hotel statt und die erste die ich getroffen habe war Tabea, die mit mir gemeinsam aus Deutschland nach Japan geflogen ist. Auf dem Bild sieht man uns zusammen mit den drei französischen Austauschschülerinnen. Neben uns fünf gibt es noch eine weitere Austauschschülerin: Prayva, aus den USA. Sie kam aber leider ein bisschen zu spät, deswegen ist sie nicht mit auf diesem Foto.

mini-001 (2)Nachdem das Komitee erst einmal ein kleines Meeting hatte und wir Zeit hatten uns kennen zu lernen, ging dann die eigentliche Orientation los.  Der Inhalt war uns im Großen und Ganzen schon bekannt und nach einer knappen Stunde gab es dann erst einmal Mittagessen. Eine gewaltige Portion, aber daran gewöhne ich mich ja langsam, und zwei köstliche Äpfel. Dann wurden wir jede einzeln befragt und in der zwischen Zeit konnten wir uns noch ein wenig unterhalten. Die Befragung umfasste solche Dinge wie: Wie gut ist dein Japanisch? Wie viel Zeit verbringst du im Internet? Zu wie viel Prozent sprichst du mit deiner Gastfamilie Englisch? usw. Ich glaube ich habe mich ganz gut gemacht.

Dann hieß es leider auch schon wieder Abschied nehmen. Schnell war es vorbei, aber wir hatten trotzdem viel Spaß und ich glaube die anderen Mädchen aus meinem Distrikt und ich werden noch richtig gute Freunde. Am meisten habe ich mich natürlich gefreut Tabea wieder zu sehen. Für uns war es am leichtesten sich auszutauschen und man konnte man wieder ausführlich Deutsch reden.

Als ich dann wieder zu Hause ankam, wollte ich mich eigentlich bloß hinlegen und schlafen, aber meine Gastmutter, Gastoma und meine Gastschwester wollten noch mit mir einkaufen gehen. Und was kaufen sie mir: einen Yukata. Das ist ein traditionelles japanisches Gewand und ich habe mich echt wahnsinnig darüber gefreut, beim aussuchen aber ganz unauffällig den Billigsten rausgesucht. Die sind nämlich nicht billig, wir hatten Glück weil jetzt Sommerschlussverkauf ist und trotzdem… Mich macht das irgendwie fertig so etwas Teures geschenkt zu bekommen. Ich weiß meine Gastgeschenke waren auch nicht gerade billig, aber ich habe irgendwie das Gefühl das die Geste mich hier leben zu lassen schon gütig genug ist.

3. September

Zuckerbrot und Peitsche ist irgendwie, wie ich mich und die japanische Schule sehe und das nach meinem ersten Tag.

mini-001Das Problem ist das ich wirklich Nichts verstehe und ganz hinten sitze, das heißt schon  alleine akustisch geht da gar nichts mehr. In meiner ersten Stunde haben sich all meine Klassenkameraden vorgestellt und ich glaube, ein paar Namen konnte ich mir tatsächlich merken. Im Unterricht ist die Aufmerksamkeit der Schüler auf alles gerichtet, nur nicht auf den Lehrer und den Lehrer interessiert das nicht. Es wird gelesen, gemalt, ganz offensichtlich mit dem Handy gespielt und geschlafen. Für mich ist es einfach nur tot langweilig gewesen in den Stunden. Von jedem Lehrer habe ich ein Dutzend Schulbücher bekommen, die ich dann aber zum Glück in meinem Schließfach verstauen konnte. Englischunterricht war das einzige Fach in dem ich folgen konnte, aber mein Englischlehrer spricht leider nur ganz schlechtes Englisch. Wir haben einen Text bekommen den wir auf Japanisch übersetzen sollten (das hat bei mir nicht geklappt, hat der Lehrer aber auch nicht erwartet) und das war die Aufgabe für die nächsten 50 Minuten… Aber der Text war wenigstens interessant. Es ging um Roboter.

Informatikunterricht war auch ganz in Ordnung. Meine Informatiklehrerin war die einzige Lehrerin die wenigstens versucht hat mit mir Kontakt aufzunehmen, dann hat sie mir eine Exeltabelle geöffnet und das Buch aufgeschlagen und Gott sei Dank, es war ein Bilderbuch! Also, trotz des japanischen Computers habe ich es irgendwie geschafft und darüber haben wir uns beide gefreut.

Was vollkommen anders ist an einer japanischen Schule:

  • Erstens: Mittagessen – Jeder bringt etwas mit und das wird dann im Klassenzimmer gegessen. Dazu werden die Tische zusammen geschoben. Es ist in soweit anders, dass wir wirklich richtige Mahlzeiten in unseren Brotbüchsen haben. Reis, Fleisch, Ei, etc.
  • Zweitens: Zähneputzen – Nach dem Mittagessen putzt die Klasse gemeinsam Zähne.
  • Drittens: Zimmerputzen – Nach der letzten Stunde macht die Klasse das Klassenzimmer sauber und hilft dabei das Schulhaus zu säubern.
  • Viertens: Die Schulbänke – Jeder sitzt alleine.
  • Fünftens: Der Tagesablauf – Es gibt jeden Tag eine Klassenleiterstunde und dann gibt es auch noch die Clubs.

Und eigentlich ist alles anders, aber das sind so die fünf Punkte an die ich mich am meisten gewöhnen muss. Meine Klassenkameraden sind alle sehr nett. Die Jungen sehr lustig und die Mädchen sehr hilfsbereit. Man hat mich immer schön an die Hand genommen und in das nächste Klassenzimmer gebracht und alle wollten ein Foto mit mir haben. Als einziger Ausländer (neben Sydney), fühlt man sich an einer japanischen Schule wie ein Prominenter. Außerdem bin ich das einzige Mädchen an der Schule das keinen Rock trägt und ich bereue das nicht. Man starrt mich so oder so an und der Taifun ist immer noch nicht richtig vorbei gezogen. Ich bin heute also beim schlimmsten Regen zur Schule gelaufen und der Wind dazu… Das muss sich furchtbar anfühlen wenn man einen Rock trägt!

Als ich nach Hause kam wurde ich überschüttet mit Lob und meinen Lieblingskeksen – das ist mein Zuckerbrot.

8. September

mini-001Montag war der schlimmste Tag der Woche; definitiv der Schlimmste. Ich war nicht unbedingt glücklich danach und hatte absolut keinen Drang am nächsten Tag wieder in die Schule zu gehen. Als ich dann am Dienstag wieder dabei war mir die Hausschuhe der Schule anzuziehen, war ich kurz davor einfach kehrt zu machen, aber so etwas kann ich ja nicht bringen. Dienstag wurde dann zum Glück um einiges besser, so dass ich am Ende des Tages die Divise ziehen konnte: Es ist ein klein wenig besser als deutsche Schule, weil hier absolut kein Leistungsdruck herrscht.

Ich glaube ich habe generell ein großes Problem mit dem Ort Schule, deswegen werde ich wahrscheinlich an keinem Tag früh aufstehen und mir sagen: Jaah! Heute ist Schule! Wie ich mich freue! … Wenn meine Schule Hogwarts wäre, dann könnte man diesen Satz von mir wahrscheinlich tagtäglich hören.

Am Mittwoch habe ich das schönste Schulfach entdeckt, dass es an einer japanischen Schule gibt: Nähen. Es ist klasse, wir haben Stoff bekommen und sollten uns dann Formen ausschneiden und Dinge daraus nähen die wir mögen. Viele meiner japanischen Klassenkameraden haben ihr Lieblingsessen wie Erdbeertorte oder Reisbällchen genäht. Ich habe mich für eine Sonnenblume entschieden. Sonnenblumen sind immer gut! Als ich nach Hause kam, wartete eine freudige Überraschung auf mich: Svenjas Paket aus Deutschland war angekommen. Nach nur fünf Tagen! Nie habe ich mich über eine Tafel zerdrückte, geschmolzene Milkaschokolade mehr gefreut und auch der Rest des Pakets war einfach nur Freude pur!

Mittwoch war außerdem der einzige Tag der Schule an dem ich nach der Schule (also nach 16 Uhr) noch etwas vor hatte: ich habe mich mit Olga getroffen und wir waren zusammen Tee trinken und ich habe Russisch noch nicht so sehr vergessen wie ich dachte. Als ich sie am Dienstag angerufen hatte um das zu verabreden, bin ich so sehr ins stocken gekommen und wollte immer wieder auf Japanisch oder Englisch anfangen, das es mich verrückt gemacht hat. Aber als wir dann erst einmal im Gespräch waren, war alles wieder super und wenn mir doch mal ein Wort ausgegangen ist, dann habe ich das im Deutsch-Japanischen Wörterbuch nachgeschlagen. Mein erstes und mein zweites Erdbeben habe ich außerdem am Mittwoch erlebt. Eins früh in der Schule und ich hätte es fast verpasst, hätten mich nicht alle drauf hingewiesen das die Uhr seltsam hin und her wippte (dann habe ich auch realisiert das ich nicht kipple, sondern der Tisch ein wenig zittert) und das Zweite abends als ich im Bett lag und fest versuchte einzuschlafen, obwohl draußen gerade ein gewaltiger Sturm tobte.

mini-002Donnerstag war der Tag an dem meine Honeymoon-Phase vorbei war. Die rosarote Brille wurde mit einem Schlag zerbrochen, als meine Gastmutter am Nachmittag mit mir reden wollte. Jetzt da ich tatsächlich eine Freundschaft aufgebaut hatte, sollte man natürlich mal darüber sprechen wann ich mich mit Freunden treffen darf. Die Antwort: Im Grunde gar nicht. Ich darf mich natürlich nach der Schule mit meinen Schulfreunden treffen (ich wünschte ich könnte mir ihre Namen merken…), aber nach 18 Uhr darf ich das Haus nur noch mit meiner Gastfamilie oder mit Rotary-Menschen verlassen. Die Schule endet ab nächster Woche für mich 18 Uhr, also jaah… charmant.

Alleine rausgehen und ein wenig spazieren gehen ist auch nicht wirklich machbar. Was meine Gastfamilie betrifft bin ich ein wenig enttäuscht, wenn ich so höre was die anderen Austauschschüler egal ob in Japan oder in Deutschland so erlebt haben bis jetzt und mit mir eigentlich bloß an einem Tag wirklich was unternommen wurde, als hanabi war. Alle arbeiten immer, und auch am Wochenende sind sie immer beschäftigt und gäbe es nicht Mercedes und Itou Masaki, dann wäre meine einzige Beschäftigung am Wochenende auf Montag warten gewesen.

mini-005Am Freitag war ich nicht wirklich gut drauf. Nähen konnte mich zwar ein wenig aufmuntern und die Tatsache das ich während des Schwimmunterrichts (an dem ich nicht teilnehme, weil er nur noch diese Woche stattfand) in die Bibliothek gehen durfte und Sherlock Holmes lesen durfte. Im Fach Moderne Literatur habe ich dann das letzte Narnia-Buch gelesen  und Wahnsinn, ich glaube Narnia ist die einzige Buchreihe bei der man am Ende froh ist das alle, aber auch alle Figuren die man mag gestorben sind.  C. S. Lewis, ich verneige mich vor dir.

Am Freitagabend wurden wir dann vom Chef vom Komagane Rotary Club zum Essen eingeladen. Mercedes, Itou Masaki, Herr (der Chef) und Frau Fukuzawa, meine Gastmutter und meine Gastgroßeltern waren neben mir anwesend. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut Mercedes und Itou Masaki wieder zu treffen, einfach weil mir weiter reichende Kommunikation fehlt. Ich meine klar, mein Japanisch reicht aus um Esstisch mitzureden und meinen Klassenkameraden zuzustimmen das heute ein schwerer Tag ist und das es sehr heiß heute ist, aber so richtig mit jemanden unterhalten kann ich mich noch nicht auf Japanisch, so richtig zum Ausdruck bringen wie es mir geht und auch über mich und meine Heimat zu erzählen und die andere Sache ist; die Japaner fragen nicht. Wie auch immer, letzten Endes ist auch dieses Euphorie dahin gestorben, als ich raus gefunden habe das Mercedes und Olga und alle die irgendwie eine andere Sprache als Japanisch sprechen quasi den Mund verboten bekommen haben von meiner Gastmutter und keine andere Sprache mit mir sprechen sollen als Japanisch. Olga hat sich ziemlich angegriffen gefühlt dadurch, vor allem nachdem meine Gastmutter nach unserem Treffen bei ihr angerufen hat und ihr erklärt hat, dass wenn sie mich weiter treffen möchte, sie das nur noch mit Anmeldung bei jedem einzelnen Familienmitglied und bei uns zu Hause darf. Am Ende des Tages war ich sehr glücklich in meinem Bettchen zu liegen und mir zum einschlafen noch meinen Lieblingssoundtrack anzuhören.

Am Samstag war (noch) keine Schule! Halleluja! Nächste Woche geht es dann los das ich auch Samstag in die Schule gehe, diese Woche wollte man mich noch schonen und hat mich deswegen noch nicht zum Kunst Club geschickt. Nachmittag haben mich Mercedes und Itou Masaki abgeholt und wir sind zusammen zu einem Handarbeitsmarkt gefahren, der hier in Komagane zwei Mal im Jahr statt findet. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie glücklich ich war aus dem Haus raus zu kommen. Wir hatten eine Menge Spaß und Spaß ist gut und der Nachmittag war echt super. Als Mercedes mich dann nach Hause gebracht hat, hat meine Gastgroßmutter sie gleich getadelt, weil sie es nicht extra noch mit jedem einzelnen Familienmitglied abgesprochen hat ob es in Ordnung war, mit mir wegzufahren. Sie hatte es aber mit dem Gastgroßvater abgesprochen (Familienoberhaupt), deswegen hat die Lektüre nur einen halbe Stunde gedauert. Beim Abendessen hat man mir dann 100 Mal versichert das ich mir keine Sorgen machen muss und nichts meine Schuld war.

mini-006Heute ist dann der Tag der Woche an dem ich zu Hause sitze und auf Montag (!) warte. Mein Gastgroßvater hat von einer Beerdigung gesprochen die heute ist, ein Rotary-Mitglied ist gestorben, und ich dachte ich soll mit hin, aber scheinbar nicht, deswegen sitze ich jetzt also hier und denke mir das die Bücher die ich mit nach Japan gebracht habe, auf keinen Fall ausreichen werden und bin froh das ich ein E-Book habe und mir deswegen Nachschub organisieren kann. Vielleicht skype ich nachher noch mit Mama und Papa, aber die schlafen jetzt bestimmt noch.

Divise der Woche: Mir geht es gut, aber ich hoffe das es mir bald noch besser gehen wird. Ich fühle mich ein wenig wie ein Vogel in einem Käfig und na ja, das ist irgendwie, nicht so awesome. Heimweh habe ich keines, weil ich einfach dran denke dass ich zu Hause in der Oberstufe wäre und mir dort noch wenigstens 5 Mal so langweilig wäre wie hier. Ein Haustier wäre echt nett.

Foto 1: Sitzt hinter mir im Klassenzimmer. Seine Beschäftigung: diesen genialen Hirsch aus Papier bauen. Er hat dafür den ganzen Tag beraucht und ich habe ihn echt dafür beneidet.

Foto 2: Mittagessen zusammen im Klassenzimmer.

Foto 3: Olga Dmietreva, die nachvollziehen kann wie schwer es sein kann auch nur eine Woche ohne Umarmung zu überstehen, besonders wenn es einem nicht unbedingt gut geht.

Foto 4: Die “Hauptstraße” vom Handarbeitsmarkt.

Jetzt habe ich hoffentlich gründlich genug nachgeholt, was ich diese Woche nicht veröffentlicht habe. Ich werde versuchen wieder öfter zu schreiben, aber diese Woche war einfach keine Motivation da. Das soll es dann erst einmal für heute von mir gewesen sein.

11. September

mini-001Die Hälfte der zweiten Schulwoche ist überstanden und ich glaube, ich packe das schon irgendwie. Gestern Abend habe ich an meinen letzten Abend in Deutschland gedacht, als ich mit meinen Eltern zusammen Russendisko geschaut habe und schon ertappe ich mich dabei, wieder meine ganze alte, russische Musik aus den tiefen meiner Festplatte aus zu graben. Und ich bereue nichts. Schon bin ich wunschlos glücklich und höre Musik und zeichne und bin motiviert aufzustehen.

Für die Schule habe ich jetzt auch einen gewissen Plan entwickelt den Unterricht zu überstehen. Erstens werde ich Mathematik und Japanische Geschichte abwählen. Mathematik deswegen, weil man in Japan ohne Taschenrechner rechnet und ich rein gar nichts verstehe, was mein viel zu motivierter Lehrer mir beibringen will. Es zwingt einen schon fast zur Verzweiflung. Und Japanische Geschichte weil das ein ausschließlich schriftliches Fach ist und ich bin doch ein Analphabet hier in Japan. Ich glaube ich nutze die Zeit lieber sinnvoll in der Bibliothek und gehe meinen Mathematikhefter durch und meinen Chemiehefter. Das sind echt die beiden Fächer die mir jetzt schon wieder Angst machen und das obwohl ich noch ein Jahr habe bis zur Oberstufe.

Zweitens werde ich zwar dem Lehrer zuhören, mich aber im selben Maße auf Kunst konzentrieren und skizzieren, was ich im Kunst Club am Abend umsetzen will. Hab das die letzten beiden Tage lang getestet und bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Irgendwie macht es mich ein wenig traurig das ich hier dasselbe mache wie in Deutschland auch. Wo ist der Kulturschock? Wo ist die Aufregung des Schüleraustauschs? Die Schule nimmt wirklich Montag-Samstag meine gesamte Freizeit ein und wenn ich nach Hause komme, dann will ich meistens einfach nur schlafen und meine Ruhe. Von meiner Stadt, Komagane, kenne ich immer noch nicht mehr als meinen Schulweg. Abgesehen von Sonntags wüsste ich aber auch nicht, wann ich Zeit finden sollte mir mal die Gegend etwas genauer anzusehen und das wird alleine wohl sowieso nichts.

Wieder halte ich mich an die anderen Austauschschüler, die ihr Jahr bereits hinter sich haben und alle im Chor sagen: “Es war das beste Jahr meines Lebens, nur die ersten Monate waren schwer”.

Hoffen wir mal dass es so wird.

13. September

Nichts kann meine Stimmung im Augenblick besser beschreiben als dieses eine Wort: Freitag. Die Schule war zwar wie immer sehr anstrengend und mein Kopf hat wieder richtig weh getan, aber als der Unterricht dann vorbei war, ging es nur noch bergauf für mich. Nach drei Tagen Arbeit, habe ich mein erstes Bild im Kunst Club vollendet und ich muss sagen: Für den Anfang nicht schlecht. Ich bin echt zufrieden damit, das kommt nicht oft vor. Die Lehrerin die den Kunst Club betreut ist richtig klasse, sehr nett und sie versucht sogar mit mir zu sprechen! Das versuchen die Lehrer sonst gar nicht! Und wir haben sogar richtig Erfolge beim kommunizieren, am Ende konnte ich ihr, glaube ich, verständlich erklären um es in dem Lied “Moskauer Nächte” geht und was das Bild darstellt.

Als ich dann nach Hause kam, warteten bereits zwei Westpakete auf mich. Mit leckerer Schokolade und den zwei Harry Potter Büchern, die leider erst einen Tag nach meiner Abreise zu Hause ankamen (mal abgesehen davon, hätten sie wohl sowieso nicht mehr in die Koffer gepasst) und einer Postkarte aus Plauen, endlich konnte ich meinen Gastgroßeltern mal meine Stadt zeigen. Ich habe schon öfters mal vorgeschlagen das ich Bilder zeige, aber sie haben dann immer gesagt: später; und später ist nie eingetreten.

Jetzt mache ich mich wahrscheinlich daran es mir in meinem Bettchen möglichst bequem zu machen und Metro zu schauen. Und morgen geht es dann ab, zur zweiten Orientation und Willkommens-Party! Tabea hat mich gefragt was ich anziehen werde…  Darüber mache ich mir hier eigentlich absolut noch einmal fünfmal so wenig Sorgen wie zu Hause, und da mache ich mir laut Mama schon zu wenig Sorgen. So gut wie alle anderen Schüler tragen bloß ein schlichtes, weißes Hemd und einen Rock/eine Hose. Ich bleibe einfach bei meiner Jeans und einem T-Shirt, bequem, praktisch und nicht allzu auffällig.

Im Schulsport habe ich heute außerdem Fortschritte gemacht. Am Montag haben wir angefangen Badminton zu spielen und heute ist es gleich zwei Mal eingetreten, das meine Mannschaft nicht wie üblich verloren hat. Ich habe in Sport mal gewonnen! Das ist seit der 2. Klasse nicht mehr vorgekommen. Auch wenn ich danach hundemüde war und nur noch nach Hause wollte, das war es wert.

Jetzt habe ich meinen Abend vor mir, ein bisschen Ruhe und Frieden für mich. In der Schule kann man kaum einen Augenblick lang Ruhe haben, weil die Leute um einen herum immer (!) laut sind. Auch im Unterricht, manchmal sogar besonders im Unterricht. Im Kunst Club ist es zwar entspannter, aber man hört eben trotzdem noch die Sportler und das Orchester von draußen. Gerade habe ich noch ein bisschen mit Olga geschrieben. Nächste Woche fliegt sie für eine Woche mit ihren Studenten nach Kirgistan. Ich bin schon gespannt darauf von ihr zu hören, wie es ihr gefallen hat. Wir schreiben mittlerweile genau so oft, wie ich mit meinen Eltern (noch sehr oft) und ich hoffe ich lerne dieses Jahr mit der russischen Tastatur umgehen zu können. Bis jetzt nehme ich noch das Internet zur Hilfe.

17. September

mini-016Ich habe viel zu erzählen und eigentlich hätte ich es schon eher erzählen sollen, aber in den letzten Tagen hatte ich absolut keine Motivation zu schreiben. Manchmal ist es eben so, dafür habe ich jetzt doppelt so viel zu berichten. Heute ist die Hitze endlich vorbei! Und das ist ein Grund zur absoluten Freude, die ich dann auch gleich mal ausgelebt habe.

Samstag hatte ich Vormittag erst einmal ein bisschen Zeit um mich nach dem Frühstück noch einmal ins Bett fallen zu lassen und danach die Kammer des Schreckens zu öffnen. Das hat meinem Rücken gut getan. Es ist echt schmerzhaft, das wir hier weder einen Sessel noch ein Sofa haben. Meistens sitzt man einfach auf dem Boden und na ja, das geht wirklich ganz schön auf den Rücken. Deswegen ist es am Ende des Tages immer schön sich einfach in sein Bett fallen zu lassen und an nichts mehr denken zu müssen. In Deutschland könnte ich so etwas niemals bringen, spätestens wenn ich im Bett liegen würde, würde mir einfallen: Scheiße! Hausaufgaben! Und Ofen angelassen! Und die Katze jammert! Und eigentlich müsste ich noch einmal aufs Klo…

Nachmittag bin ich dann wieder zusammen mit Itou Masaki nach Okaya gefahren. Es waren wieder angenehme 40 Minuten Autofahrt, in einem Auto mit extrem viel Stil. Itou Masaki hat mir gleich bei unserer ersten gemeinsamen Autofahrt erzählt wie gerne er deutsche Autos hat, und eben vor allem Audis. Auf der Hinfahrt haben wir uns noch die meiste Zeit an geschwiegen, weil er nicht unbedingt der beste Gesprächspartner ist, wenn er gerade Auto fährt… Ich habe mir dann mein Buch genommen und ein bisschen gelesen und schon waren wir da! Und schon bin ich Tabea wieder entgegen gegangen. Sie war wieder die erste die da war. Schöne Sache! Hach, wie ich Umarmungen vermisst habe! Wir haben dann also erst einmal eine ganze Weile darüber gesprochen wie unser Leben ist und wie sehr wir sprechen vermissen und dann gab es Mittagessen.

Nach dem Mittagessen ging dann die eigentliche Orientation los und ich langweile euch jetzt mal nicht mit Details. Ich hatte eine Menge Spaß mit Tabea. Die Franzosen hatten auch eine Menge Spaß untereinander und Prayva, die uns sonst zusammen gebracht hätte, war heute leider nicht da. Die Willkommensparty am Ende war eigentlich bloß das Abendessen. Aber hey, es war echt lecker und wir hatten dabei immer noch so viel Spaß, kaum zu glauben!

Und Sonntag ging es dann bergab. Langeweile pur. Ich habe definitiv zu viel Zeit an dem Tag damit verbracht mit der Heimat zu skypen. Meine gesamte Gastfamilie hat gearbeitet. Nur Mittag durfte ich mal kurz raus, meine Gastmutter ist mit mir zum Basketballspiel meiner Gastschwester gefahren und … Trommelwirbel bitte… Sie hat verloren. Das war echt traurig… Wenn ein Japaner etwas macht, dann macht er es richtig, oder seine Familie ist furchtbar enttäuscht von ihm. Also meine Gastmutter hat dann auch einfach mal: „Idiotin!” durch die gesamte Turnhalle geschrieen.

Mir ging es nach dem Spiel auch nicht wirklich gut, ich hatte eine Menge Kopfschmerzen von dem ganzen Rumgeschreie der Eltern beim Spiel und wollte einfach nur in mein Bett. Der Tag war aber noch sehr lange nicht vorbei, also ja, nicht schön…

Montag war Feiertag! Tag der Verehrung des Alters! Das habe ich erst im Nachhinein raus gefunden. Niemand hielt es für nötig mir Bescheid zu geben und ich habe dann erst Dank Tabea festgestellt, das ich am Montag nicht in die Schule muss. Es war schön nicht in die Schule zu müssen, die ist montags nämlich extra blöd, aber es war auch mies den ganzen Tag alleine im Haus zu sitzen. Denn egal ob Feiertag oder nicht, meine Gastfamilie arbeitet.

Vormittag hat der Taifun der Kyoto überschwemmt und ganze Landstriche verwüstet hat, dann auch meine Region gestreift und ich muss ehrlich zugeben: So schlimmes Wetter habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Ich habe richtig Angst bekommen und es in meinem Zimmer nicht mehr ausgehalten, also habe ich mich dann verstört mit dem Computer nach unten gesetzt und Les Miserables geschaut. Es wäre schon irgendwie schön gewesen, wenn jemand da gewesen wäre der mich in den Arm genommen hätte und gesagt hätte: „Du musst keine Angst haben! Das Haus zittert vielleicht wegen dem starken Wind und du kannst in der zweiten Etage nichts mehr hören, wegen dem lauten Regen, aber dir passiert nichts!” Niemand war da, also habe ich mir das selber immer und immer wieder gesagt.

Nachmittag bin ich dann mal kurz alleine einkaufen gegangen. Ich habe ein paar Süßigkeiten für Svenja gekauft, damit ich mich endlich mal für das Carepaket revanchieren kann! Abends habe ich das auch gleich meiner Gastmutter gegeben, damit sie es bei Gelegenheit zur Post bringen kann.
Fotos von dem Wochenende habe ich keine, weil ich keine Lust hatte welche zu machen. Aber ich habe für euch trotzdem drei Bilder. Das erste ist der Sonnenuntergang wenn ich von der Schule nach Hause gehe, das zweite bin ich im Yukata und das dritte ist die Straße die zu meiner Schule führt.

18. September

Heute hätte ein richtig beschissener Dienstag werden können; Schule und Schule und Schule. Aber er wurde richtig awesome! Zu erst einmal, bin ich heute in die Schule gelaufen und habe tatsächlich Gänsehaut bekommen. Endlich, die Hitze ist überstanden! Der Herbst naht! Das hat mich gleich schon mal richtig glücklich gemacht. Dann hatte ich wie gewohnt meine erste Schulstunde: Mathematik. Als die vorbei war, hatten wir kurze Klassenleiterstunde, wie jeden Tag. Dort konnte ich meinem Klassenlehrer Takeuchi dann auch gleich mal mitteilen das ich Mathematik und Japanische Geschichte abwähle. Ob er mich verstanden hat, keine Ahnung… Denn alle Wörter die aus seinem Mund kommen, verstehe ich absolut nicht. Er spricht echt seltsam. Meine Gastmutter hat schon gesagt, dass es selbst für Japaner schwierig ist ihn zu verstehen.

mini-005Als das dann überstanden war, konnte ich auch schon gehen. Vorerst. Vor der Schule wartete wie versprochen Itou Masaki auf mich und wir sind dann zusammen zum Komagane JOCV Training Centre gefahren. Das ist das Institut in dem Mercedes und Olga arbeiten. Heute haben nämlich die Schüler ihren Abschluss gefeiert und ich durfte an den Festlichkeiten teilnehmen. Mercedes war leider nicht mit da, aber ich habe Olga getroffen und hatte eine Menge Spaß mit ihr. Das JOCV ist richtig genial. 63 Tage lang leben die Studenten hier im Training Centre und lernen jeden Tag intensiv eine Sprache, unter anderem gibt es Russisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Bengalisch und viele weitere zur Auswahl. So wie ich das verstanden habe, werden die Sprachen ausgelost, denn um die geht es nicht hauptsächlich. Nach den 63 Tagen fahren die Studenten dann nämlich in ein entsprechendes Land und nehmen an Hilfsprojekten teil. Die drei Russisch-Studenten von Olga fahren nächste Woche mit ihr nach Kirgistan. Ich bin schon aufgeregt von ihr zu hören.

Im JOCV habe ich mich richtig wohl gefühlt. Alle Menschen waren nett und viele Leute haben enthusiastisch meine Hand geschüttelt und ich habe nette Briten und Amerikaner und Inder und Franzosen kennen gelernt und es war einfach nur toll. Ich wünschte ich könnte im JOCV zur Schule gehen, das wäre bestimmt großartig.

mini-006Nach der Abschlussfeier der Studenten hatte ich dann ein bisschen Zeit mit Olga. Sie hat mir ihr Klassenzimmer gezeigt und wir hatten mal wieder Zeit persönlich miteinander zu sprechen. Mail und Skype sind zwar nett, aber kein Trost, vor allem wenn du weißt, das die Person mit der du schreibst nur 15 Minuten entfernt wohnt…

Danach ging es zum festlichen Mittagessen und zur Party! So gutes Essen hatte ich lange nicht mehr. Alles Japanisch, aber zur Nachspeise gab es auch leckere Dinge die es hier gibt: frisches Obst und Kuchen und Eiscreme. Ein Traum. Als wir dann unsere Mägen gut gefüllt hatten, ging es auf um eine kleine Überraschung für eine von Olgas Studenten vorzubereiten, die morgen Geburtstag hat. In Japan darf man Geburtstage durchaus vorfeiern, besonders wenn die Umstände es nicht anders erlauben. Das Mädchen (ich habe ihren Namen vergessen, Schande über mich!) hat sogar zwei Jahre in Deutschland gelebt und spricht deswegen richtig gutes Deutsch und nach 63 Tagen können die Studenten genau so gut Russisch wie ich Japanisch, also sie werden in Kirgistan überleben!

Ein wenig Abseits von den anderen haben wir dann also mit ein paar anderen ihren Geburtstag gefeiert und obwohl ich die Menschen heute fast alle zum ersten Mal getroffen hatte, wurde ich sofort mit eingespannt und bekam ein Stück Kuchen und wurde umarmt und es wurde auch geweint, aber vor Freude. Die Studenten sind wirklich Herz aller liebst. Ich habe fleißig Visitenkarten verteilt und hoffe dass sie sich bei mir melden. Neben Olga gibt es noch eine weitere Russischlehrerin am Institut, aus Kirgistan. Sie ist auch furchtbar nett und ich hoffe, dass ich auch sie wieder treffen werde.

Nach der kleinen Geburtstagsfeier gab es dann noch einige Sing- und Tanzeinlagen bei der Hauptfeier. Und Leute: Party Hard! Ehrlich mal, so viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr und eigentlich habe ich mich danach: 14:30 Uhr, nur noch nach meinem Bett gesehnt, aber ich musste wieder zurück in die Schule. In der Schule hatte ich dann nur mini-012noch eine Stunde vor mir und die habe dafür genutzt mich auch mal ein bisschen hinzulegen; ich passe mich also an meine Schule an. Dank Tabea weiß ich mittlerweile, das das selbst für Japan nicht normal ist. Meine Schule ist halt echt keine gute Schule, alles ist alt und wenn man danach wirklich auf die Universität möchte, dann sollte man definitiv auf eine andere Schule gehen. Auf der Rückfahrt habe ich dann noch mit Itou Masaki über meine Gastfamilie gesprochen. Ich habe jetzt auch erfahren dass ich das erste Gastkind bin, das sie jemals hatten. Toll, war wirklich nicht gut durchdacht mich in diese Familie zu stecken. Beide Seiten haben keine Ahnung wie sie sich verhalten sollen und was von ihnen erwartet wird… Fail. Auf jeden Fall bleibe ich bei dieser Familie wohl nicht länger als ich muss, das heißt spätestens November bin ich hier weg, noch eher falls es schnell kalt wird.

Bild 1: Eingang zu Olgas Klassenzimmer. 

Bild 2: Olga und die Russischlehrerin aus Kirgistan.

Bild 3: Die Lehrerin aus Kirgistan und das Geburtstagskind von Morgen. 

19. September

UnbenanntHeute feiere ich mein einmonatiges in Japan. Das ist völlig unspektakulär. Mal sehen ist heute irgendetwas geschehen um diesem Datum gerecht zu werden. In der Schule auf jeden Fall nicht. Aber auf meinem Weg nach Hause habe ich etwas beobachtet, das so schön war, das ich zehn Minuten zu spät kam, weil ich einfach nur in den Himmel gestarrt habe. Der Mond ist aufgegangen. Ein gewaltiger, gelber Mond wie ich ihn so nur einmal nahe Moskau gesehen habe. Und er ist hinter den Alpen aufgegangen. (Ich wohne in den Alpen. Zentrale Alpen und Südliche Alpen. Die beste Frage von meinem Gastopa: Habt ihr auch Berge in Deutschland?)

Morgen ist dann auch zum Glück schon wieder Freitag und am Montag habe ich wieder frei. Es ist Herbstanfang und in Japan ist das ein Feiertag. Ich habe jetzt auch lange genug auf meine Gasteltern eingeredet das sie mit mir einen Ausflug machen: in einen Buchladen! Besser als nichts, oder? Sie versuchen es… Glaube ich… Ich freue mich auf jeden Fall schon auf Samstag! Da gehe ich nämlich in die Schule! (Wollte das nur noch einmal erwähnen, nachdem meine Klassenlehrerin am Ende des Schuljahrs gesagt hat: „Und Katia macht jetzt ein Jahr Urlaub.” Ich wünschte es wäre so gewesen). Aber es ist bloß Kunst Club, deswegen freue ich mich wirklich.

Gestern habe ich außerdem eine großartige neue Bekanntschaft gemacht: Frederik aus Dänemark. Er ist zur Zeit in Saitama zum Schüleraustausch und nachdem wir erfolglos versucht haben ein bisschen Smalltalk via Chat zu führen, haben wir uns dann dazu entschieden zu skypen und ich kann nur sagen: Das war ein wahnsinnig großartiger und lustiger Abend! Besonders weil ich gestern nicht in die Schule konnte, weil ich mir den Magen ein bisschen verdorben hatte. Und jetzt schreiben wir schon wieder miteinander. Egal in welcher Stadt du auch bist, ob groß oder klein, die Sorgen der Austauschschüler sind sich sehr ähnlich. Beziehungsweise die Langeweile entsprechend gleich groß.

23. September

Dank “Was Geht Ab?” auf YouTube, bin ich relativ auf dem Laufenden was Nachrichten betrifft. In Japan haben wir zwar auch einen Fernseher und ich schaue Nachrichten, aber wir haben hier nur die regionalen Nachrichten und die wiederholen sich einfach Tag für Tag. Ich habe jetzt oft genug jubelnde Menschen gesehen, die sich über Tokyo 2020 freuen. Ich meine, das ist großartig, aber langsam ein alter Hut.

Die FDP ist also draußen und jetzt wortwörtlich am Arsch. Und die AfD hat es auch knapp verpasst, darüber bin ich nicht sonderlich traurig, weil ich die Partei ganz schlecht einschätzen kann. Dieses Jahr ging es bei der Bundestagswahl also wieder darum, das geringere Übel zu wählen und jetzt haben wir fast absolute Mehrheit für die Union. Frau Merkel hat ja bereits bekannt gegeben, dass sie nicht die ganzen vier Jahre Amtszeit regieren möchte, sondern nur drei. Ich bin gespannt was danach kommt.

Genug von Deutschland, zurück nach Japan. Das findet ihr bestimmt interessanter. Ich rolle das Wochenende heute mal von hinten auf. Heute ist Montag und heute Herbstanfang. Juhu! Ein Feiertag in Japan, ich musste also nicht in die Schule. Ausschlafen darf ich trotzdem nicht. Wie jeden Tag ging es für mich um 6 Uhr früh raus. Bis 11 Uhr dachte ich, der Montag würde ruhig und ohne Interesse meiner Gastfamilie verlaufen und dann rief mich meine Gastgroßmutter zum Matsuri. Keine Ahnung was das war, ich schließe aus dem Kontext, es hat etwas mit dem Herbstanfang zu tun. Wir sind also in die Stadt gefahren und haben uns einen kleinen Umzug angeschaut.  Viele bunte Menschen, manche sahen aus wie Dämonen und andere waren einfach nur bunt. Trommeln und Schreie. Was ich interessant fand: Eine Spur der Straße war gesperrt und die andere wurde weiterhin befahren, während des Umzugs. Und wenn gerade auf beiden Seiten viele Autos kamen, tja, dann musste der Umzug eben auf den Bürgersteig ausweichen. Nett wie man hier niemanden mit einer Umleitung belasten will, nicht? Der Umzug war dann nach ungefähr 15 Minuten vorbei und dann sind meine Gastgroßmutter und ich nach Hause gelaufen. Ich bin tatsächlich durch die Stadt gelaufen. Ist ganz nett, sehr kleines Zentrum eben.

Mit einem Frisör und einer Wäscherei und all den Läden, die eine Stadt nun einmal braucht. Wir sind noch einmal kurz in einen Supermarkt gegangen, meine Gastgroßmutter hatte das spontane Bedürfnis mich mit all meinen Lieblingssüßigkeiten einzudecken. Und mit meinem Lieblingstee. Den es in Deutschland nicht gibt. Das macht mich wütend… Der Tee ist so gut!

Am späten Nachmittag ist meine Gastmutter dann wie versprochen mit mir in einen Buchladen gefahren, der sich in einer Nachbarstadt befand. Also 30 Minuten Autofahrt. Dafür war der Buchladen aber auch gewaltig, mit langen, langen Reihen nur voll mit Comic-/Mangabüchern und zwei Regalen voll mit englischsprachigen Büchern. Les Miserables oder Krieg und Frieden, es gab ein breites Auswahlspektrum und meine Gastmutter hat mir gesagt, dass sie mir ein Buch schenkt. Freude! Bücher! Katia ist im Paradies! Den Laden verlassen habe ich dann schließlich mit dem Buch: The Fault in Our Stars von John Green und Andersen’s Fairy Tails von Hans Christian Andersen. Also zwei Bücher bei denen man auf jeden Fall lachen und weinen muss. Jetzt sitze ich also glücklich in meinem Zimmer, mit einem Haufen Süßigkeiten unter meinem Bett (Stauraum und Vorratskammer) und zwei neuen Büchern. Guter Tag! Und obwohl ich hier im Durchschnitt eine Tafel Schokolade an zwei Tagen vernichte, habe ich bis jetzt 4 kg abgenommen.

Japanisches Essen schmeckt nicht nur gut, es hat auch kein Fett und keine Kalorien und ich trinke hier den ganzen Tag nur Tee, satt Limonade, das tut auch seinen Teil.

Gestern habe ich nichts gemacht. Nichts mit meiner Gastfamilie zu mindestens. So gegen Mittag habe ich mich zusammen gerafft und wieder angefangen kreativ zu sein. Darauf bin ich echt stolz, weil hier wettermäßig immer noch Sommer ist und ich bei diesen Temperaturen einfach nicht funktionieren kann, geschweige denn schreiben. Nachmittag verspürte ich aus irgendeinem Grund den Drang das Haus zu verlassen. Das habe ich dann auch getan und hatte einen sehr langen Spaziergang durch das Viertel. Das war erfrischend. Frische Luft und so. Kannte ich gar nicht mehr. Danach habe ich mich noch ein bisschen in den Garten gesetzt und Harry Potter gelesen. Abends noch mit meinen Eltern telefoniert, aber schnell aufgegeben, weil mich die ganze frische Luft müde gemacht hat.

Samstagvormittag war ich noch depressiv, wie Freitag und Donnerstag auch. Die Schule ist daran Schuld und Kopfschmerzen. Es ist sehr anstrengend, den ganzen Tag lang nur Japanisch zu sprechen und zu hören und alle sind immer so laut! Meine Laune besserte sich dann aber, als meine Gastgroßeltern mit mir zum Nagano College of Nursing gefahren sind, das ist in meiner Stadt hier. Da war Tag der offenen Tür. Das war zwar wenig spektakulär, aber ich habe zumindest zum ersten Mal Teezeremonie miterlebt. Es war der schlechteste Tee den ich jemals getrunken habe, der hat echt widerlich geschmeckt. Aber er wurde gut präsentiert. Danach sind wir Sushi essen gefahren. In so einem richtigen Sushi-Fast-Food-Restaurant. Das war das genialste Essen in Japan bis jetzt. Man sitzt also die ganze Zeit neben einem Laufband, von dem man sich dann einfach nehmen kann, was immer man will. Es war so lecker und so lustig. Sushi, Pudding, Ei, Kuchen, was immer man will.

Danach sind wir dann in einen Nachbarort auf einen der Berge gefahren, zu Weintraubenverkostung. In Japan isst man Weintrauben ohne Schale. Wenigstens waren die Weintrauben lecker. Nach diesem Mittagessen und den Weintrauben, hatte ich das Gefühl, niemals wieder essen zu müssen. Das habe ich hier allerdings jeden Tag. Japanisches Essen ist so gut, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat das Nudelauflauf auch süß schmecken kann.

Ich habe nach diesem erfrischendem Wochenende das Gefühl, das Itou Masaki vielleicht doch mal mit meiner Gastfamilie gesprochen hat, das es nicht gut ist, sein Gastkind den ganzen Tag lang in seinem Zimmer versauern zu lassen. Danke!

29. September

Die vergangene Woche war herrlich! Ich kann gar nicht fassen, dass ich das hier schreibe, aber ich liebe Examen! Es gibt eben doch Tage an denen Austauschschüler sein, in der Schule einen ganzen Haufen Vorteile bringt. Mittwoch bis Freitag musste ich jeweils nur für eine Stunde in die Schule, um an den verschiedensten Englisch-Examen teilzunehmen. Trotz japanischer Aufgabenstellungen, habe ich es irgendwie geschafft und bin sehr optimistisch was die Ergebnisse angeht. Dienstag habe ich dann zum zweiten Mal an einem Rotary Meeting teilgenommen, das fand Mittag statt und danach musste ich nicht zurück in die Schule, deswegen habe ich mich sogar darüber gefreut. Und ich habe mein monatliches Taschengeld bekommen, was ich eigentlich gar nicht wirklich brauche. Ich werde es mir wohl für die großen Reisen aufsparen und mir dann dort ordentlich Souvenirs kaufen, oder so. Es hat mir jedenfalls sehr gut getan, nicht so lange zur Schule zu müssen. Meine Augenringe haben sich um 50% verkleinert. Mittlerweile habe ich sie aber glaube ich wieder ausgebaut.

Gestern dann, bin ich gegen 12 zum Bahnhof geeilt und habe meine gute Tabea abgeholt, die mich für das Wochenende besuchen kam! Ich durfte alleine zum Bahnhof gehen, obwohl ich rein technisch den Weg gar nicht kennen sollte, aber na ja, zum Glück bin ich ein Navigationsgerät. Der Tag gestern war einfach nur genial. Nachmittag sind wir dann noch mit meiner Gastmutter einkaufen gegangen und haben uns mit Süßigkeiten eingedeckt. Sonst hatten wir den ganzen Tag ganz für uns. Gott ich habe Gespräche vermisst! Skype ist zwar schön und gut, aber persönliche Gespräche sind schon schöner. Mit den Süßigkeiten und dem Abendessen haben wir uns dann wortwörtlich den Bauch voll geschlagen und waren einfach nur noch satt, mit dem Gefühl nie wieder etwas essen zu wollen. Das Gefühl habe ich hier in Japan erstaunlich oft und doch nehme ich ab. Das Essen ist schon richtig toll.

Abends haben wir dann noch Les Miserables geschaut, der Gast hat entschieden und ich kann das Musical sowieso nicht oft genug sehen und zwischendurch noch mal ganz kurz mit meinem Papa geskyped und bis zu dem Punkt war alles perfekt, dann wollte ich runter gehen um auch noch baden zu gehen und BÄM! Ausgerutscht und Treppe runter gefallen. Mir geht es gut, mein Rücken ist bloß ein bisschen blau und ich fühle mich achtzig Jahre älter. Anlehnen tut weh, das regt mich auf und hinlegen erst… In dieser Situation habe ich dann erneut festgestellt, dass meine Gastfamilie völlig überfordert damit ist, dass es mir nicht immer gut geht. Als ich zum Beispielt Bauchschmerzen hatte wie verrückt, das war die beste Medizin die sie mir anbieten konnten Quark und Kartoffelchips. Und als ich gestern zusammen gekrümmt auf dem Boden gehockt habe, dachte meine Gastgroßmutter es wäre wohl das Beste mir mal ordentlich auf den Rücken zu klopfen. Und das hat sie dann heute noch gleich drei Mal gemacht und sich jedes Mal wieder gewundert, wieso ich weg geschreckt bin. Zum einen wollten sie gleich den Notarzt holen, aber zum anderen… eine einfache Schmerztablette oder Creme gibt es in diesem Haus scheinbar nicht, aber ich mit meinem nicht lebensfähigem Körper habe zum Glück genug Medizin aus Deutschland mitgebracht.

Heute sind wir dann Vormittag auf den Touristenberg in Komagane gefahren und haben uns die Seilbahn angesehen. Ich war eigentlich felsenfest davon überzeugt, dass wir auch damit fahren, aber scheinbar sind wir wirklich nur auf den Berg gefahren um uns die Seilbahn anzusehen. Der Tag war trotzdem toll, Tabea und ich hatten eine Menge Spaß, haben viele Blumen fotografiert und das beste Eis in ganz Komagane gegessen. Danach ging es dann noch einmal in dieses tolle Sushi-Restaurant und jetzt will ich wirklich nie wieder essen, obwohl ich weder zum Frühstück noch zum Abendessen irgendetwas groß gegessen habe. Satt… So, so, satt!

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