KAY SAFONOV

七転び八起き – Fall seven times and stand up eight

Mittwoch, der 22. August 2018
von Kay Safonov
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Die Leon-Ludwig-Mt-Fuji-Tour 2018

Ein paar Wochen bevor es für mich wieder nach Japan ging, dieses Mal um in Shizuoka-Stadt eine Praktikumsstelle anzutreten, musste ich mich wieder entscheiden: soll ich den Fuji noch einmal bestiegen? Oder belasse ich es dabei?

Von Shizuoka-Stadt aus kann man den Fuji bei gutem Wetter jeden Tag sehen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Berg ebenfalls gut zu erreichen. Trotzdem; letztes Jahr hat seine Narben hinterlassen und dennoch kam in mir der Drang auf es noch einmal zu tun. Also habe ich bei Instagram herum gefragt, was meine Freunde und Follower dazu meinen. Dabei kam leider kein eindeutiges Ergebnis heraus bis mir schließlich Leon Ludwig aus der Schreib-Zunft schrieb, in der ich seit letztem Semester abhänge.

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Freitag, der 3. August 2018
von Kay Safonov
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Es läuft Alles gut. Alles geht schief.

2018年08月01日

Die letzten Wochen waren wirklich ein Durcheinander für mich. Erst bestehe ich meine Prüfung in “Modernes Japan II” mit der besten Note, die ich jemals an der Universität erhalten habe (die trotzdem, traurigerweise, nicht so gut ist) und dann falle ich mit 5,0 durch meine Japanisch-Prüfung.

“Jeder fällt mal durch, mach dir nichts draus”.

“Das ist schon echt enttäuschend, dass ausgerechnet du durchfällst”.

“Das zeigt doch nur wie schlecht das Prüfungssystem an der Universität ist”.

“Aber du bist doch so gut in Japanisch?”

“Das ist doch gar nicht schlimm”.

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Freitag, der 1. Juni 2018
von Kay Safonov
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2018年06月01日

Reiß meinen Brustkorb auf

Ich fühlte mich, als könnte ich jeden Augenblick meinen Brustkorb aufreißen, weil genau dort, in der Mitte meiner Brust, eine dunkle Leere war, die mir Schmerz zufügte. Es schmerzte so sehr. Ich fühlte mich, als würde ich ersticken.

Es fühlte sich nicht schwer an, ganz im Gegenteil, trotzdem erstickte es mich. Das Gefühl kroch mir die Kehle hoch und brachte mich fast dazu auf dem Heimweg im Bus zu weinen. ‚Ich sterbe’, dachte ich mir, ‚ich sterbe und all die Menschen um mich herum, sind sich dessen nicht bewusst’.

Ich fühlte mich, als könnte ich meinen Brustkorb aufreißen. Als könnte ich jeden einzelnen Knochen brechen, der diese Leere in mir gefangen hielt.

Es war gebrochenes Herz, doch ich verstand nicht, ich konnte nicht begreifen, warum mein Herz erneut brach. Alles was ich wusste, war dass ich erstickte und dass ich starb und dass niemand etwas davon wusste.

Dienstag, der 8. Mai 2018
von Kay Safonov
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2018年05月07日

Leinwände und Künstler

Ich mag das Wort Leinwand, aber Canvas gefällt mir trotzdem lieber. Vielleicht liegt es daran, dass das Wort ‘Canvas’ nach etwas Lebendigem klingt, während eine Leinwand zweifelsohne etwas Sachliches ist. Deutsch macht das nun einmal mit Wörtern – gibt Gegenständen Geschlechtern und lässt sie im gleichen Augenblick sterben. Die Leinwand ist weiblich und instinktiv wird der Canvas männlich. Gegenständen Geschlechter zuzuordnen ist ein Tick den Deutsch hoffentlich eines Tages los wird.

Was für 1 Canvas, so lebendig, so unbeschreiblich.

Was für 1 Künstler, so depressiv, so kreativ.

So einfach ist das. Vielleicht lachen einige darüber, aber auch die Sprache ist etwas Lebendiges und grammatikalische Regelungen wandelbar. In zehn Jahren wird hoffentlich niemand mehr drüber lachen.

Es geht mir schlecht heute. Ich schreibe viel an Tagen an denen es mir schlecht geht, denn so viele Gedanken schwirren durch meinen Kopf und ersticken mich. Ich kann nicht mehr atmen. Meine Brust verengt sich. Wenn ich Bekannten sage, dass ich darauf warte, dass ein Bus mich überfährt, ist es nur zur Hälfte als Scherz gemeint. Die andere Hälfte in mir, hätte nichts dagegen wenn mich ein Bus überfährt und das sollte ein verdammt furchteinflössender Gedanke sein, doch das ist er nicht. Nicht für mich.

Als ich mir heute Nachmittag meine schwarze Robe umgeworfen hatte und mich mit meinem Mp3-Player nach draußen wagte, da sah ich meinen Schatten. Und als ich meinen Schatten sah, da erinnerte ich mich wieder daran, dass ich ein Künstler war. Manchmal vergaß ich das. Oft vergaß ich das. Zwischen Tabletten und Studium und Leere, so viel Leere, vergaß ich mich oft selbst. Daniel Armand Lees Stimme war das Einzige was ich hörte und ich hörte seine Stimme tief in meinem Herzen, in einem dunklen, verborgenen Winkel. Selbst wenn ich zur Uhr blicke, habe ich keine Zeit mehr. Lebewohl, jetzt. Ich tapste durch die Gegend, stolperte, tapste weiter, während Tablos Stimme aus meinem Herzen schrie. Selbst wenn ich auf den Kalender schaue, habe ich keine Erinnerungen mehr. Ein halbes Jahr war vergangen und ich erinnerte mich an nicht viel. Wirklich nicht viel. Vielleicht ein paar Stunden von ein paar Tagen. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich fand mich in einem Supermarkt wieder und dachte darüber nach, dass ich ein Künstler war. Für einen Augenblick fühlte ich den rauen Stoff eines Canvas unter meinen Fingerspitzen. Ich roch die Acrylfarbe. Meine Arme waren voll bunter Spritzer. Ich atmete frei, ohne dass mich etwas erstickte. Erst in dem Augenblick merkte ich, wie sehr mich alles erstickte. Besonders das Studium. Es erstickte mich. Es erstickte mich und ich war vielleicht ein Künstler, aber ich war auch im Supermarkt ohne Farbe und ohne Canvas. Ich habe Angst davor, ein Buch zu sein, dass niemand liest. Musik, die niemand mehr hört. Ich habe Angst davor zurück gelassen zu werden, wie ein Film in einem leeren Kinosaal.

Der Weg nach Hause dauerte weniger als fünf Minuten, doch ich schaffte es dennoch mindestens sieben Identitätskrisen zu haben. Was tat ich hier? Ja, was… Was zur Hölle tat ich hier? Ist das wirklich mein Leben? Mein Leben mit dem ich eines Tages vielleicht glücklich werden soll? Eigentlich hatte ich mir nach der Klinik vorgenommen, mich nur noch auf Sachen zu konzentrieren die mich erfüllten. Denn ich brauchte dringend etwas, dass diese Leere füllte und heute habe ich gelernt, dass eine Person diese Leere nicht allein füllen konnte. Selbst wenn ich auf mein Handy blicke, habe ich keine Beziehungen mehr. Selbst wenn ich in den Spiegel blicke, habe ich kein Vertrauen mehr.

Zuhause angekommen war es schwer zu atmen. Ich ging sofort in die Knie und umarmte meinen eigenen Körper. Fuck. Verdammte Scheiße. Mal wieder hier, am Boden. Der Künstler, in Wirklichkeit ein Krieger, am Boden. Wieder am Boden.

Letzte Woche noch meinte ich, wir sind lebende, atmende Kunst. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

Dienstag, der 8. Mai 2018
von Kay Safonov
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2018年04月27日

Schwebend über den Asphalt

Ich hatte dieses Gefühl vermisst.

Es war eines dieser Gefühle, von denen ich gar nicht wirklich realisiert hatte, dass ich es vermisst hatte. Von November an, waren es nur das Venlaflaxin und ich. Es nahm mir den Schmerz und Atmen wurde wieder leichter im selben Maße, während meine Gefühle allmählich abflachten und ehe ich es mich versah, fühlte ich nichts mehr.

Im Februar, in der Psychiatrie, setzten sie das Venlaflaxin schließlich ab und ich konnte mich nicht mehr kontrollieren. Ich heulte und mein Herz schmerzte so sehr, dass ich endlich begriff, wieso man wirklich an gebrochenen Herzen sterben konnte. Schließlich begann ich eine neue pharmazeutische Beziehung. Burpropion, Trazodon und Promethazin – wir sind ein unaufhaltsames Quartett.

Nun war es April, fast Mai, und endlich wieder angenehm warm draußen. Ich wohnte für zwei Wochen in einem kleinen Ort hinter Siegburg und hütete Katzen, ein Haus und ein Auto. Nachdem ich angekommen war, kochte ich mir etwas zu Essen und verbrachte eine Stunde mit den Katzen im Garten. Überall roch es nach dem blühenden Flieder, dessen Zeit endlich gekommen war und ich schloss meine Augen und fühlte für einen Augenblick nur die Sonne auf meiner Haut.

Am Abend fuhr ich mit dem Wagen nach Bonn zum Training und zum ersten mal, seit langer Zeit, scheute ich mich nicht davor, fürchtete ich mich nicht davor, zum Training zu gehen. Bisher waren Freitagabende immer mit aufkommender Panik verbunden. Ich machte mit, ich lachte und scherzte und dann schließlich machte ich mich wieder auf den Rückweg.

Und ich hatte dieses Gefühl vermisst.

Es war dunkel draußen und der Himmel war klar. Nachts zu fahren war natürlich ein ganz anderes Gefühlt. Besonders in Bonn. Tagsüber war Bonn Hektik und Stau und verzweifelter Kampf um den letzten Parkplatz, doch nachts… Nachts waren die Straßen fast gänzlich leer und die wenigen anderen Fahrer, fuhren viel entspannter als am Tag. Niemand war in Eile, die Woche war vorüber und ob wir in einer halben oder einer dreiviertel Stunde ankamen, machte keinen Unterschied, denn unsere Betten interessierte es nicht, an welchen Zeitplan wir uns hielten.

Meine Augen waren schon immer lichtempfindlich, doch es kam mir vor, als hätte sich dieser Zustand in den letzten Monaten verschlimmert. Wenn ich am Morgen das Haus verließ, schmerzten meine Augen und erst im Bus fühlte ich mich wieder wohler. Doch nachts auf der fast leeren Autobahn war diese Empfindlichkeit bedeutungslos. Alles sah irgendwie weich aus. Mein Wagen schwebte regelrecht über den Asphalt und auch die Lichter des entgegen kommenden Verkehrs, wirkten warm wie ein lächelndes Winken.

Verdammt, ich hatte dieses Gefühl vermisst.

Der Wagen und ich, wir wurden zu einem Geschöpf. Wir wechselten fließend Spuren, schalteten ohne Stocken und glitten voran. Die Zeit verging, ohne dass ich es wirklich realisierte und plötzlich fuhr ich bereits den Wagen in die Einfahrt. Einen Augenblick später, war der Wagen ruhig und kein Licht umgab mich mehr und ich atmete tief aus und lächelte ganz für mich allein im Auto sitzend. In all den Monaten der Depression, hatte ich tatsächlich vergessen, wie wichtig mir das Autofahren immer gewesen war und wie sehr ich es liebte und nun, da diese Liebe langsam wieder in mein Leben zurückkehrte, würde sicherlich auch die Liebe zum Leben wiederkehren.

Montag, der 11. September 2017
von Kay Safonov
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Ich habe den Fuji bestiegen

Der Titel nimmt im Grunde schon alles vorweg: Ich habe vorgestern den Fuji bestiegen. Und ganz ehrlich, ich kann nicht recht in Worte fassen was das für eine Erfahrung war, aber ich werde es trotzdem mal versuchen.

Ich habe Nagoya am Nachmittag verlassen. Mit dem Shinkansen ging es dann erst einmal nach Mishima (90 Minuten Fahrt, kostet in eine Richtung ca. ¥4000, aber mit dem Japan Rail Pass kann man ja Shinkansen fahren) und das war schon einmal großartig, denn ich bin noch nie Shinkansen gefahren (habe aber immer davon geträumt). Der Zug war sehr geräumig und bequem und man fühlt kaum etwas während man durch Japans wunderschöne Landschaft düst. Von Mishima aus habe ich dann den Fuji Kyuko Bus zum Bahnhof Kawaguchiko genommen (60 Minuten Fahrt, kostet in eine Richtung ¥2100) und von da aus dann den Bus zur fünften Bergstation des Fuji (55 Minuten Fahrt, Hin- und Rückfahrt kosten zusammen ¥2100). In diesem Bus habe ich dann auch meine ersten neuen Freunde gefunden – eine Gruppe von jungen Frauen die auch geplant hatten, den Fuji bei Nacht zu besteigen. Wir haben uns schnell zusammen geschlossen und darauf geeinigt zusammen zu wandern.

An der fünften Bergstation haben ich mir dann auch den berühmten Fuji-Wanderstock gekauft (mittlere Größe, kostet: ¥1300) und habe den „Eintritt“ für den Fuji bezahlt, der bei ¥1000 liegt. Also warum schreibe ich überall hin wie viel ich bezahlt habe? Weil mein Budget pro Tag eigentlich bei ¥2600 liegt und dieser Ausflug hat sowas von den Rahmen gesprengt. Der Fuji ist teuer und darauf war ich nicht vorbereitet, deswegen schreibe ich hier darüber, damit ich vielleicht jemand der in Zukunft hinauf steigt besser vorbereiten kann.

Also dann, gegen acht Uhr abends, ging es endlich los. Oh man. Wir haben uns dafür entschieden die Yoshida Route zu nehmen, da überall zu lesen ist, dass die Yoshida Route die einfachste und machbarste ist. Die Sonne war bereits untergegangen (also bring auf jeden Fall eine Stirnlampe mit, wenn du den Fuji besteigst!) und da es keine Bäume auf dieser Höhe gab, konnten wir die atemberaubende Aussicht über Kawaguchiko und Fuji-san Stadt bei Nacht genießen. Die sechste Bergstation haben wir dann auch locker flockig nach einer Stunde erreicht und es schien noch sehr einfach und es war noch nicht mal sonderlich kalt, deswegen waren wir alle sehr zufrieden mit uns selbst. Wir waren solche Idioten. Wir sind dann auch schnell weiter und nach der sechsten Station macht der Pfad eine Kurve und man wird mit der ersten Treppe konfrontiert und das ist der Punkt an dem man realisiert, dass man einen großen Fehler gemacht hat. An der sechsten Station habe ich mir außerdem die erste Marke in meinen Wanderstock brennen lassen (kostet ¥300).

Wir haben dann ungefähr 80 Minuten zur siebten Bergstation gebraucht und das war der Punkt an dem ich angefangen habe zu frieren. Ich habe mir für ¥300 ein paar Handschuhe gekauft, während sich die anderen etwas zu Essen gekauft haben und wir haben uns alle in die Station verkrochen um uns aufzuwärmen. Problem: Ich habe mir nichts zu essen gekauft, also hat man mich schnell aus der Station geworfen (es war sehr teuer, selbst was zu Trinken hat an die ¥600 gekostet und ich war absolut nicht hungrig). Ich habe den anderen gesagt dass ich draußen warte, aber ich begann sehr schnell zu frieren und zu zittern und sie haben sich echt Zeit gelassen mit dem Essen, also habe ich sie dort zurück gelassen (weil ich ein Arschloch bin) und mich zwei Belgiern angeschlossen. Ihre Namen waren Abdil und Frédéric und wir haben uns sofort super verstanden.

Abdil, Fred und ich sind dann in einem stetigen Tempo weiter bis zur achten Station geklettert, was unglaublich viel Zeit gedauert hat und ich habe ¥1000 in weitere Brandmarken investiert. Der Weg von der siebten zur achten Station war das Schlimmste. Es hat mich mehr an Freiklettern (oder Stiege wie im Elbsandsteingebirge) erinnert als an Wandern. Also solltest du den Fuji eines Tages besteigen, dann packe nicht zu viel ein, denn du musst auch sehr viel klettern. Ich habe auch ein bisschen bereut mir den Wanderstock gekauft zu haben, da es das Klettern erschwert hat, aber es war dann doch machbar.

Als wir dann endlich an der achten Station angekommen waren, waren wir todmüde. Fred war der fitteste unser Gruppe und ging immer ein Stück voran, während ich nicht weit hinter ihm folgte und Abdil hinter uns ein bisschen zurück blieb. An jeder Hütte hat Fred auf mich und Abdil gewartet bevor er weiter geklettert ist. Zu diesem Zeitpunkt war mir dann auch bewusst, dass es eine gute Idee war mich den beiden anzuschließen, da unser Tempo ziemlich gut zusammen gepasst hat und wir uns richtig gut verstanden haben, was auch sehr wichtig ist wenn du einen Berg besteigst der fast 4000m hoch ist.

Der Stieg zur neunten Station dauerte eine Ewigkeit. Abdil blieb immer weiter zurück und ich konnte meine Füße nicht mehr richtig spüren wegen der Anstrengung und der Kälte. Irgendwann waren wir alle so fertig, dass wir uns entschieden haben etwas Geld in Essen zu investieren um in einer Hütte Unterschlupf zu finden (obwohl wir selbst genug Essen dabei hatten). Wir haben uns Instant-Mais-Suppe in einem Plastikbecher für ¥500 gegönnt und durften 15 Minuten in der Hütte bleiben. Abdil hat in der Zeit ein kurzes Nickerchen gemacht und Fred hat mir einen seiner extra Pullover gegeben, da ich schon all meine Klamotten an hatte und immer noch gefroren habe. Er hat mir auch ein Paar seiner Hosen angeboten, aber ich habe nicht rein gepasst, weil er dünne Hühnerbeine hat und ich nicht.

Es war bereits vier Uhr morgens als unsere kurze Pause endete und die Sonne sollte gegen fünf Uhr aufgehen, weshalb wir uns den letzten Teil der Strecke wirklich hinauf kämpfen mussten um es noch zu schaffen. Und verdammt haben wir gekämpft. Fred ist wieder vor uns los gesprintet und ich konnte mich nur noch auf den nächsten Schritt konzentrieren. Abdil und ich sind eine Weile zusammen gelaufen, doch an einem Punkt hat er sich einfach hingesetzt und seinen Rucksack umarmt und gesagt, dass ich ohne ihn weiter gehen soll, was ich dann auch getan habe (und wieder, weil ich ein Arschloch bin).

Ich war also allein und konnte den Gipfel bereits sehen. Es hatte sich eine lange Menschenschlange gebildet, da alle den Gipfel vor dem Sonnenaufgang erreichen wollten. 200 Meter vor dem Gipfel waren dann auch schon Mitarbeiter die allen Wanderern zugerufen haben: „nur noch 200 Meter! Wenn ihr jetzt weiter klettert ohne anzuhalten, dann schafft ihr es noch bis zum Sonnenaufgang! Kämpft weiter! Es sind nur noch 30 Minuten! Ihr schafft das!“ Aber alles an was ich denken konnte, war wie schön sich ein warme Dusche doch anfühlen würde. Es waren nur noch knapp hundert Meter bis zum Gipfel, als der Himmel langsam begann sich rot zu färben. Ich habe mir an diesem Punkt gedacht: „nein. Du bist nicht neun Stunden diesen Berg rauf geklettert um dann 100 Meter vor der Spitze aufzugeben“, also bin ich mit meiner letzten Kraft los geeilt und habe den Gipfel erklommen. Ich habe mich hingesetzt, meine Kamera gezückt und das war der Moment, in dem die Sonne aufging. Das war außerdem der Moment in dem ich angefangen habe zu weinen. Nach drei Jahren bin ich endlich wieder in Japan und nach einem halben Jahr Planung und Training, habe ich, ein kleiner schwacher asthmatischer Streber, es dann tatsächlich auf die Spitze des Fuji geschafft. Das hat mich überwältigt und deswegen saß ich dort einfach nur und habe still geweint während die Sonne aufging.

Nachdem die Sonne aufgegangen war, habe ich mich dann auf die Suche nach Fred gemacht und ihn auch schnell gefunden. Wir haben uns angegrinst wie zwei Idioten und glücklich umarmt. Wir haben es geschafft. Danach haben wir uns erschöpft ans Geländer gestellt und die Aussicht genossen während der Himmel sich langsam blau färbte. Nach weiteren zwanzig Minuten stieß dann auch Abdil zu uns, zusammen mit einer der Frauen die in meiner ersten Wandergruppe war, und wir haben uns auch alle stolz und glücklich umarmt.

Ich habe mir dann noch die spezielle Sonnenaufgangs-Brandmarke für meinen Wanderstock für ¥400 gekauft und dann haben wir uns den Vulkan-Krater angesehen. Mit den ersten Sonnenstrahlen kam dann auch, zum Glück, sehr schnell Wärme zu uns und das habe ich echt gebraucht, denn mein ganzer Körper zitterte schon und meine Fingerspitzen hatten eine bläuliche Färbung angenommen.

Lange sind wir nicht auf dem Gipfel geblieben, wir sind auch nicht um den Krater gelaufen (was noch einmal eine Stunde gedauert hätte), weil wir zu müde und erschöpft waren. Abdil, Fred und ich sind dann gemeinsam zur fünften Station zurück gekehrt. Der Weg nach unten war ein anderer als der nach oben und wir brauchten ungefähr vier Stunden und wieder anzukommen. Der Abstieg war sehr rutschig und ich bin auch zwei mal hingefallen. Gegen 10 Uhr waren wir dann wieder an der fünften Station. Wir haben uns schnell was zu essen gekauft und dann haben wir gemeinsam den Bus nach Kawaguchiko genommen. Die Jungs sind dann auch sofort eingeschlafen, aber komischerweise fühlte ich mich gar nicht müde.

In Kawaguchiko haben wir uns dann verabschiedet und versprochen das wir in Kontakt bleiben und auch Witze darüber gerissen, dass wir uns von nun an jedes Jahr in Japan treffen und den Fuji besteigen. Es war vielleicht kraftraubend, aber es war es auf jeden Fall wert. Wahrscheinlich werde ich es sogar noch einmal tun. Weil ich ein Idiot bin.